Mit fremden Federn (2)

Bestimmung
(Wilhelm Busch)

Ein Fuchs von flüchtiger Moral
und unbedenklich, wenn er stahl,
schlich sich bei Nacht zum Hühnerstalle
von einem namens Jochen Dralle.
Der, weil die Mühe ihn verdroß,
die Tür mal wieder nicht verschloß.
Er hat sich, wie er immer pflegt,
so wie er war zu Bett gelegt.

Er schlief und schnarchte auch bereits.
Frau Dralle, welche ihrerseits
noch wachte, denn sie hat die Grippe,
stieß Jochen an die kurze Rippe.
„Du“ rief sie flüsternd, „hör‘ doch böß,
im Hühnerstall, da ist was los;
das ist der Fuchs, der alte Racker!“
Und schon ergriff sie kühn und wacker,

obgleich sie nur im Nachtgewand,
den Besen, der an Ofen stand;
indes der Jochen leise flucht
und erst mal Licht zu machen sucht.
Sie ging voran, er hinterdrein.
Es pfeift der Wind, die Hühner schrein.
“Nur zu“ mahnt Jochen, „sei nur dreist
und sag Bescheid, wenn er dich beißt.“

Umsonst sucht sich der Dieb zu drücken
vor Madam Dralles Geierblicken.
Sie schlägt im unaussprechlich schnelle
zwei-dreimal an derselben Stelle
mit ihres Besens hartem Stiel
auf‘s Nasenbein. Das war zuviel. –
Ein Jeder kriegt, ein Jeder nimmt
in dieser Welt, was ihm bestimmt.

Der Fuchs, nachdem der Balg herab,
bekommt ein Armesündergrab.
Frau Dralle, weil sie leicht gesinnt
sich ausgesetzt dem Winterwind
zum Trotz der Selbsterhaltungspflicht,
kriegt zu der Grippe noch die Gicht.
Doch Jochen kriegte hocherfreut
infolge der Gelegenheit

vom Pelzwerk eine warme Kappe
mit Vorder- und mit Hinterklappe.
Stets hieß es dann, wenn er sie trug:
Der ist es, der den Fuchs erschlug.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen
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