Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
der alte Winter, in seiner Schwäche,
zog sich in graue Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige Schauer körnigen Eises
in Streifen über die grünende Flur;
aber die Sonne duldet kein Weißes,
überall regt sich Bildung und Streben,
alles will sie mit Farben beleben;
doch an Blumen fehlt‘s im Revier,
sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finstern Tor
dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden,
aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus Handwerks- und Gewerbe-Banden,
aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
aus der Straßen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdige Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh‘ nur, sieh‘! Wie behend sich die Menge
durch die Gärten und Felder zerschlägt,
wie der Fluß in Breit‘ und Länge
so manchen lustigen Nachen bewegt,
und, bis zum Sinken überladen,
entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden
blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
hier ist des Volkes wahrer Himmel,
zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!

(Monolog des Doktor Faust.)

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen
Dieser Beitrag wurde unter Gedichte, Humor, Kurzgeschichten, Lyrik, Prosa, Unterhaltung abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Osterspaziergang

  1. gkazakou schreibt:

    Und du? Wirst dich auch ins österliche Getümmel werfen? Frohe Tage! (Wir hier warten noch bis 1. Mai auf die Auferstehung).

    • hildegardlewi schreibt:

      Ich habe das österliche Gewimmel zuhause. Im totalen Chaos, alleine mit einigen Umzugskartons und deren Inhalte. Mit Baugerüst vorn und hinten am Haus, einem außer den Nachbarn in gleicher Situation wüsten Wohnung, die übrigen acht Mieter ziehen erst nach Ostern ein, so wie die Gesellschaft das anordnet. Beinahe smtliche Umzugskartons sind bereits ausgepackt, die Möbel stehen jedenfalls, aber der Inhalt von 100 Kartons, die von den Umzugsleuten zum größen Teil gleich mäßig durch die Wohnung verteilt sind und über eine Woche das Internet nicht funktionierte, und die Heizung nur gelegentlich funktioniert, habe ich eigentlich so gut wie gar keine österlichen Gedanken und am Sonntag habe ich auch noch Geburtstag. Ich bin rundum ein glücklicher Mensch.

  2. Pingback: Mittwoch, den 23. März 2016 | Kulturnews

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s