Zeit für Märchen

(Hänsel und Gretel)

Finster war‘s und ziemlich kalt.
Der Wind, der wehte durch den Wald.
Er wehte scharf, aus jeder Richtung
um‘s kleine Haus dort auf der Lichtung.
Die Fenster waren dicht verrammelt.
Man hatte Reisig viel gesammelt
und konnt‘ den Bullerofen heizen.
Mit Essen mußte man nicht geizen.
Denn mit Pilzen und mit Beeren
konnte man sich gut ernähren.

Fünf Hühner legten täglich Eier,
und zu ‘ner Familienfeier
gab es dann Kaninchenbraten.
Weil sie noch eine Ziege hatten.
gab‘s frische Milch und Käse auch.
Man pflegte lange schon den Brauch,
im Herbst die Ähren aufzusammeln,
damit sie eben nicht vergammeln.
Bei‘m Apfelbaum im kleinen Garten
konnt‘ man auf saft‘ge Ernte warten.

Man hatte eigentlich keine Sorgen
und auch keine Angst vor morgen.
Das Geld war knapp, man mußte sparen.
Deshalb auch geizte man mit Barem.
Im späten Herbst, im frühen Mai
kam auch der Förster hier vorbei,
um nach dem Rechten mal zu sehen.
Beruhigt konnt‘ er weitergehen.
Denn Eintracht und Genügsamkeit
sind selten ja in dieser Zeit.

Das täuscht. Die Mutter und der Sohn
stritten seit vielen Jahren schon;
und mit der Tochter hat der Vater
tagtäglich immer nur Theater.
Herrisch das alte Ehepaar:
weil f r ü h e r alles besser war.
Müßiggang wurde nicht geduldet.
Man hatte seinen Eltern was geschuldet.
Die Schule hatten fleißig sie besucht.
Die Eltern hatten deshalb oft geflucht,

weil sie mit Arbeit in der Zeit versehen.
Sie wollten und sie konnten nicht verstehen,
warum im Alter sie nicht ständig ruhen konnten;
und sich im Garten auf der Holzbank sonnten.
Im Dorf macht Hochzeit Bauer Anton Stein
und lädt dazu die ganze Gegend ein.
Das ist der Brauch und eine schöne Sitte.
Und auch die Leute aus des Waldes Mitte
lädt man nun ein zum Hochzeitsschmaus.
Das brachte Aufregung ins kleine Haus.

Vor‘m Aufbruch gab es wieder Streit.
Inzwischen wurd‘s längst höchste Zeit,
um endlich sich nun zu bewegen
und auf den Weg sich zu begeben.
Durch Schonungen und dichten Wald
führt sie der Weg, und nicht so bald
ist eine Lichtung auszumachen.
Das ist ja wirklich nicht zum lachen.
denn finster wird‘s, es bläst der Wind.
“Weiß denn hier keiner, wo wir sind?“

Der Vater flucht, die Mutter heult:
„Mein Schuh ist schon ganz ausgebeult.!
Ist es noch weit? Ich kann nicht mehr.
Wo nimmt man hier ein Fahrzeug her?
Na, mir egal – ich werd‘s euch sagen:
ihr müßt den Rest des Weg‘s mich tragen!“
„Ach Sohn, das laufen ist recht unbequem.
Du könntest mich jetzt Huckepack mal neh‘m!“
motzt nun der Vater mißgelaunt.
Der Hans jetzt leis‘ zu Gretel raunt:

„Gleich um die Ecke ist das Knusperhaus.
Da setzen wir die Alten raus.
Die Hexe wird begeistert sein.
Sie lebte lange Zeit allein
mit ihrem Hund und ihrer Eule.
Sehr oft hatte sie Langeweule.
Jetzt wird sie in den nächsten Tagen
Abwechslung ja genügend haben.“
Die Hexe und die Fledermaus
sahen grad‘ zum Fenster raus,

als dieser Zug nun näher kam.
Die Hexe war schon ziemlich lahm
und stützte sich auf einen Stock.
Und auch der wollene Unterrock
konnte sie vor Gicht nicht schützen.
Gern sah‘ man auf der Bank sie sitzen,
vor‘m Hause unter dem Holunder.
„Nanu, das ist fürwahr ein Wunder,
daß mich Besucher mal beglücken.
Setzt euch, ich werde etwas rücken;

setzt euch zu mir, ihr guten Leute.
Ein Festtag ist‘s für mich ja heute.
Ein warmes Feuer brennt im Haus,
da sieht die Welt gleich anders aus!“
Und leise waren sie verschwunden.
Man merkte es erst nach paar Stunden,
das Hans und Grete längst gegangen.
das Hochzeitsfest hatte schon angefangen.
Und Gretel meinte dann noch bloß:
Na, hoffentlich sind wir sie los!“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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