Der Falke

ist ein Vogel. Na, das weiß man ja.
Man sieht ihn selten in der Stadt.
Das ist ja eigentlich auch klar.
Weil er da nichts zu suchen hat.

Nur manchmal denkt er so bei sich:
ich könnte heute eine Biege machen.
Vielleicht gibt’s Beute da für mich.
Man hat mal Appetit auf andre Sachen.

Und siehe da: er flog so her und hin,
mit scharfem Blick hat er sich umgesehen.
Darauf schoß blitzschnell er herab,
und um die Taube war’s im Nu geschehen.

Das geht ja besser als ich dachte, was?
Das könnte man ja öfter wiederholen.
Und außerdem macht’s auch noch Spaß.
Ich werde mir gleich einen Nachtisch holen.

Darauf kam er inzwischen öfter mal vorbei,
das heißt, er flog (weil er ja n’ Vogel war).
Jedoch flog jedes Mal er ganz alleine;
niemals flog er mit einer ganzen Vogelschar.

„Alle Vögel sind schon da“, oh, weit gefehlt!
Inzwischen wurden’s eben ständig weniger.
Man hatte höheren Ortes zweimal nachgezählt.
„So geht das nicht, das wird ja immer schöniger.“

Den Himmel kontrollierte man gewissenhaft.
Kein Falke war mehr weit und breit zu sehen.
Man hatte diesbezüglich Ordnung nun geschafft,
und trotzdem war das Unvermeidliche geschehen.

Zu Fuß kam er ganz heimlich, fraß sich satt,
er kannte nun die Stellen, wo die Beute kauerte,
weil er ja vordem schon herausgefunden hat,
wo man am besten auf dieselbe lauerte.

Ach, laßt ihn doch sein täglich Täubchen holen,
es würden davon ja noch viele Falken satt.
Man schreit auch „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“,
obwohl er diese sich doch nur genommen hat.

„Zur Strafe, Falco peregrinus, gehst du nun
fortan als Wanderfalke durch die Welt zu Fuß.
Du mußt für eine lange Zeit nun Buße tun,
weil ein Wandervogel eben tüchtig laufen muß!“

„Schau mich mal an, du Einfaltspinsel. Bitte!
Ich habe Flügel und ich trage auch ein Federkleid.
Alles was Federn hat fliegt hoch – das ist so Sitte.
Geh aus dem Weg. Ich mach zum Start mich nun bereit.

Haha, krächzt er im Fluge noch voll Hohn,
ich bin ein Wanderfalke und kann wandern,
in jedem Kontinent beinah bin ich zu Haus
und flieg nicht nur von einem Ort zum andern.

Nun, die Tauben haben erst mal etwas Ruh.
Vielleicht macht unser Freund mal eine Biege.
Möglicherweise denkt er sich: ich seh’mal zu
was auf die Schnelle ich zum Abendessen kriege.

Der Wanderfalke wandert aber nicht zu Fuß,
er fliegt herum und stürzt herab auf Beute.
Der läuft nicht viel, weil er es ja nicht muß.
Jedenfalls – bisher war’s immer so – bis heute.

 

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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2 Antworten zu Der Falke

  1. minibares schreibt:

    Hihi, Wanderfalke soll wandern, tolle Idee.
    taube Tauben hat er sich schmecken lassen.

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