Der Blickwinkel

Die dicke Taube Filiberta
saß heut beim Fußballspiel von HERTHA
und blickte interessiert im Kreise
nach ganz besonderer Taubenspeise.
Sie wird geduldig warten müssen,
doch dann gibt‘s reichlich Leckerbissen.

Man knabbert Nüsse und Gebäck,
die Krümel fallen in den Dreck.
Danach wird sich niemand bücken;
da kann die Filiberta picken
und nur das Beste auch genießen.
Achtlos tritt sie den Rest mit Füßen.

Sie hatte ja bereits vor Stunden
hier einen guten Platz gefunden
der ihr gewährte Überblick.
Dorthin flog sie recht oft zurück.
Doch plötzlich saß dort eine Taube.
„Na na, Verehrteste, ich glaube,

Sie sind zur Zeit etwas verwirrt.
sie haben sich im Platz geirrt.
Es tut mit leid. Tja, meine Beste,
man hat hier nummerierte Plätze.
Darum muß ich Sie nun vertreiben.
Hier können Sie nicht sitzen bleiben.“

Manon, so hieß die weiße Taube,
sprach ziemlich kühl: „Madame, ich glaube,
Sie wissen wirklich nicht Bescheid.
Ich bleib hier sitzen, tut mir leid.!“
Da gurrt die Taube Filiberta:
„Bisher, bei jedem Spiel von Herta,

war dies mein Platz. Damit Sie‘s wissen!“
„Ach, deshalb war er vollgeschissen.“
„Sie woll‘n ne Friedenstaube sein?
Na, dazu fällt mir auch nichts ein.“
Die Filiberta schubste nun
und gurrt: „Du blödes Suppenhuhn,

verschwinde. Dieser Platz ist meine,
und deshalb sitz ich hier alleine.“
Manon, die weiße Taube lachte,
weil sie sich gar nichts daraus machte,
und gurrt voll Hochmut:“Sehen Sie?
Der Torwart hat ja Blut am Knie!“

„Der Torwart? Meinen Sie den Franz?
Der hält die Bälle. Ja, der kann‘s.
Und dieser Franz, so sagten Sie,
der hätte Blut an seinem Knie?“
„Ich sagte es. Man könnt‘s gut seh‘n,
würd‘ man dort auf der Brüstung steh‘n.

Von dort sieht man‘s besonders gut.
Sein linkes Knie und auch das Blut.!“
„O jeh, da muß ich gleich mal schau‘n.
Hat Jemand ihn vielleicht verhau‘n?
Wo, sagten Sie, könnt man gut stehen
und auch das Spielfeld übersehen?“

Die Neugier treibt die Filiberta
bei diesem Fußballspiel von Hertha,
und auf der Brüstung landet sie
und schaut dem Franz auf‘s linke Knie.
„Na, das ist wirklich doch die Höhe.
Ich glaub‘ fast nicht, was ich hier sehe.

Ich seh‘ kein Blut, es ist nicht Franz.
Der Torwart ist der blonde Hans.
Manon ist keine Friedenstaube.
Soll ich euch sagen, was ich glaube?
Sie wollte mich vom Platz verjagen.
Wir sollten lieber uns vertragen.“

Hochmütig landet sie bei jener.
„Das wird ja wirklich immer schöner.
Ich hab genug vom, Be Es Ce,
wo ich halt nichts als Beine seh‘.
Ich lernte einen Traber kennen.
Zukünftig fliege ich zum Rennen!“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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