Die Wunder dieser Welt

All die erstaunlichen Wunder der Welt
sind bekannt und schon seit langem gezählt.
Kleine Wunder, die das Leben begleiten,
die gab es schon immer, zu allen Zeiten.
Wunder kann man in Gesellschaft erleben,
oder ganz individuell: verschieden eben.

Schneeflocken, die vom Himmel gefallen
auf das Fensterbrett, in zarten Kristallen,
schnell geschmolzen, feucht in der Hand,
noch ehe man all ihre Muster erkannt.
Eisblumen an gefrorenen Fensterscheiben.
Ein kleines Loch zum Hindurchsehen reiben.

Eine Marke auf dem Brief, die uns beweist:
er ist schon einmal fast um die Welt gereist.
Er hat sich dafür eine Menge Zeit genommen.
Trotzdem ist er irgendwann einmal angekommen.
Die Marke bunt und fremd und interessant
und gestempelt. Wie weit entfernt ist dieses Land.

Ein Kaktus stand seit Jahren ziemlich dumm
zwischen Blumentöpfen ganz verloren rum.
Als wüßte er, daß er dort gar nicht hingehörte,
weil er irgendwie auch das Gesamtbild störte,
hat ein eindrucksvolles Wunder dann vollbracht:
er blühte wunderschön. Jedoch nur eine Nacht.

Nach dem Gewitter sind zwei klare Regenbogen
am blauen Himmel hintereinander aufgezogen.
Die Farben sind so schillernd, bunt und klar.
Was die Natur dort anstellt, ist doch wunderbar.
Die Leute haben, achtlos, nicht einmal hingesehen.
Unwillig oftmals sagten sie: ja, ja beim Weitergehen.

Die Zeit, in der wir leben, läßt wenig Wunder zu.
Stets ist man in Bewegung, hört oftmals nicht mal zu.
Es gibt kaum Überraschung, alles ist längst erklärt,
und will man etwas wissen, weiß man, wo man’s erfährt.
Das meiste ist entzaubert, läßt keine Träume zu.
Will man etwas ergründen: sofort, sofort – im Nu.

Vielleicht ist es ein Irrtum, was ich so hab’ gedacht;
die Zeit hat sich geändert. Die Wunder sind gemacht
aus anderem Stoff nur. Man muß es nur verstehen,
sie zu deuten, zu erkennen und sie auch zu sehen.
Ich hab von einem großen Wunder heut’ vernommen:
Die Berliner S-Bahn ist wieder pünktlich angekommen.

Das hab’ ich leider nur geträumt, das dauert noch.
Eines Tages wird man sagen: Wunder gibt’s ja doch……

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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