Also wirklich

Besorgt nun schüttelt er das Haupt,
weil er nicht so recht dran glaubt
was die Gazette hier berichtet.
Das ist ja bestimmt erdichtet.
So etwas gibt es doch nicht, sagt er
und seine Gattin zweifelnd fragt er:
„Mein Schatz, was sagst denn du dazu?
Dies Thema läßt mich nicht in Ruh!“

Erneut schenkt sie nun Kaffee ein
beim Sonntagsfrühstück hier zu Zweien
und greift gleich wieder zum Journal.
„Schau nur mal her, das gab‘s schon mal.
Die dunklen Töne! Und der Schnitt!
Bestimmt mach ich die Mode mit.
Ach Schatz, s‘ gefällt dir sicher auch;
weil ich doch mal was Neues brauch!“

Und bei der dritten Tasse Kaffee
sagt er perplex: „Mich laust der Affe.
Man glaubt es nicht! Was muß ich lesen!
Das ist noch niemals da gewesen.
Die machen mit uns, was sie wollen
und niemals dieses, was sie sollen.
Ich werde dir davon erzählen.
Schließlich müssen wir ja wählen!“

Noch ein Stück Zucker gönnt sie sich
und meint: „Mitunter frag ich mich,
wie die das machen? Schlank und fit.
Die neue Kur. Die mach ich mit.
Es steht auf Seite sechsunddreißig.
Erfolg ist garantiert! Nun weiß ich
genau Bescheid. Und du wirst sehen:
Ich werde rank und schlank und schön!“

„Ach Liebling“ sagt darauf der Gatte
und streicht versonnen seine Platte:
„Bring mich nicht in Verlegenheit.
Sonst kommt womöglich eine Zeit,
wo die Nachbarn heimlich flüstern:
mein Gott, ist der Alte lüstern.
Treibt sich mit jungen Mädels rum!“
Schnell geht ein Gerücht herum.

Da droht sie ihm mit dem Journal
und bringt die Tasse noch zu Fall.
„Natürlich, das ist typisch Mann.
Bringt immer gleich nen Einwand an.
Kaum sehnt die Frau nach Schönheit sich,
gleich heißt‘ s: laß sein, das brauchste nich.
Laß mich in Ruh mit deiner Politik.
Ich brauch was Neues, sonst gibts Krieg.“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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