Das „Schönste“ für den Berliner

Wenn es Frühling wird – und Sommer – das Schönste

– Der Berliner hat das Schönste sich ja aufgespart,
wird es Sommer macht er unbedingt‘ne Dampferfahrt.
Von Kreuzberg aus fährt er mit Kind und Kegel
ein paar Stunden lang nun weit hinaus nach Tegel.

Unterwegs gibt es zu essen und zu trinken.
Oft steh‘n am Ufer ein paar Leute, und die winken.
Die Kinder quängeln: sind wir nicht bald da?
Und an Deck döst vor sich hin der Großpapa.

Es gibt heiße Würstchen, Kaffee, Kuchen, Eis und Bier,
und das Ziel wird ganz bestimmt erreicht vor vier.
In Tiergarten und Spandau gibt es dann ‘nen Aufenthalt,
da wird geschleust. Doch weiter geh‘s danach ja bald.

Da macht man Heimatkunde nun ganz kurz mal auf die Schnelle:
man wirft ‘nen Blick gespannt nach rechts: die Zitadelle.
Dan schippert man gemächlich fort nach Tegel,
trifft Boote unterwegs, zum Teil sogar mit Segel.

Vom Ufer winken Leute, manche pfeifen, manche rufen.
Man trinkt den Rest vom Kaffee, ißt den Rest vom Kuchen.
Bis Tegel dauert ja die Fahrt nun nicht mehr lange,
und so manchem wird es schon mal etwas bange,

ob das Restaurant auch noch genügend Vorrat hat,
denn ‘ne Dampferfahrt macht Hunger. Werden alle satt?
Die Ankunft wurde angekündigt gegen Vier?
Meine Güte, ha‘m die auch genügend Bier?

Jetzt mal ausspannen. Und am Abend dann, zum Glück
fährt der Dampfer ja mit Bar und Tanzmusik zurück.
Und „nu woll‘n wa lieber jetzt an Land nich lange loofen,
son‘s tun uns die Beene weh, und wir könn‘ nich schwoofen!“

Langsam nun, bei Mondlicht, mit der übermüt‘gen Fracht
fährt der Dampfer wieder heimwärts durch die dunkle Nacht.
Nach heft‘gem Rhythmus, oder auch nach Schnulzen
tanzt Herr Lehmann ‘s dritte Mal jetzt mit der Schulzen.

Und liest man alte Zeitungen, Briefe, Bücher,
dann wird man augenblicklich wieder klücher.
Denn Eltern, Oma, Opa, ach – Generationen,
die in der Großstadt und in ihren Kiezen wohnen,

die haben sich das Geld vom Munde abgespart,
für eine richtige, zünftige Dampferfahrt,
mit Nachbarn, Freunden, Kind und Kegel,
‘nen schönen Ausflug halt, weit raus – nach Tegel!

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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