Hinter einer dicken Mauer

Hinter einer dicken Mauer
steh’n zwei Esel auf der Lauer.
Schielen da nach ihrem Meister –
jedenfalls: Antonio heißt er.

„Er kommt! Kopf runter. Auch die Ohren!
Dann bleiben wir heut ungeschoren.
Die Mauer deckt uns. Er kann uns nicht sehen.
Dann wird er einfach weitergehen!“

„Er wird sich ärgern, wird uns suchen.
Er wird sicher furchtbar fluchen,
daß er alleine schleppen muß die Säcke,
die dort hinten stehen, in der Ecke.“

„Der alte Esel! Das geschieht ihm recht.
Behandelt hat er uns ja niemals schlecht,
doch wollen wir nicht an allen Wochentagen
für ihn die schweren Säcke tragen.“

„Der alte Esel! Jetzt ist er verschwunden!
Nun dreht er sicher erst mal ein paar Runden
und sucht und sucht; er find’ uns nicht.
Na, der macht jetzt wohl ein Gesicht!“

Auf ihrem Rücken plötzlich landen
die schweren Säcke, die sich fanden
in der Ecke. Gut verschnürt und festgebunden
für sicheren Transport die nächsten Stunden.

„Ihr seid mir ja das richt’ge Paar!
Ihr seid bei mir so manches Jahr,
bekommt zu fressen, Wasser, Gras.
Nun Rebellion? Was soll denn das?

S’ geht weiter so noch ein paar Jahr.
Habt ihr’s verstanden?“

IIIIIaaaaah! IIIIIaaaaah !

Die beiden müssen nun die Säcke tragen
und plagen sich mit existentiellen Fragen:
-Waren wir nicht sehr naiv und blind?
Es stellt sich raus, daß wir die Esel sind –

IIIIIaaaaah ! IIIIIaaaaah !

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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