Das war ja finsterste Steinzeit

Am Anfang – das ist ja kaum noch wahr,
das ist so lange her – fast über hundert Jahr,
da sandte man mit Boten eine Karte:
„Lieber Onkel, liebe Tante, ich erwarte

euch Sonntag zum Kaffee, 15 Uhr 30.
Es gibt Käsekuchen, denn das weiß ich,
ihr liebt denselben gerade so wie ich.
Also bis dann. Seid bitte pünktelich,

sonst wird der Kaffee wieder kalt.
Schickt bitte Antwort mir recht bald“
Und ein paar Jahre später schickte man
zu den Bekannten eine Karte dann

mit den Worten: „Liebe Eheleute Meyer,
anläßlich der bevorstehenden Feier
geben wir uns die Ehre… usw.,Blablabla..
per Post war sie am nächsten Morgen da.

Der Fortschritt machte lange Schritte
und es verbreitete sich rasch die Sitte,
sich anzuschaffen einen Fernsprechapparat.
Gut, wenn man also einen solchen hat.

Da wählte man gewissenhaft die Nummer,
und oftmals war es Anlaß dann zu Kummer,
wenn eine Frauenstimmer deutlich spricht:
„Bedaure sehr, Teilnehmer meldete sich nicht“.

Nicht Jeder konnte sich die Neuerungen leisten,
sehr sparsam lebten damals schon die meisten.
Doch hatte man in seinem Haushalt das Gerät,
dann konnte, wenn man wollte, man auch spät

die Schwiegermutter unterrichten: “ Ja ja ja,
tut uns so leid, wir sind am Sonntag gar nicht da.
Geh doch ins Kino. Mit der Garbo gibt’s n Fillem.
Vielleicht begleitet dich ja mal dein Bruder Willem.“.

Der Fortschritt also schritt. Ein Telefon jedoch
fehlte in den meisten Fällen trotzdem noch.
Der Mensch, der eins besaß, sprach“ ruf mich an“,
der keins besaß, ging frohen Herzens dann

in eine dafür vorgesehene kleine gelbe Zelle.
Dort hing ein Apparat, stets an der gleichen Stelle.
Ein paar Groschen tat man in den Schlitz.
Wählen – und schon bimmelt’s, dran ist Fritz.

„Hallo hallo, ich bin’s, ich rufe dich nun an.
Wie du gesagt hast – ja, ist gut. Na, also dann—„
Und mancher Ehemann verschaffte sich
ein halbes Stündchen: “Ach, entschuldigt mich,

ich muß noch dringend einen Anruf machen!“
Dann konnt’ er sich erst mal ins Fäustchen lachen;
er konnte etwas Freizeit sich sodann verschaffen.
Und die verbrachte er zumeist im „Blauen Affen“.

Für zwei Biere langte allemal die kleine Pause,
dann kam der Schwindler wieder brav nachhause.
Es kam auch vor: in manchen von den Fällen
konnte die Ehefrau den Hausfreund her bestellen.

Sie kannte die Marotten und die Schliche
und empfing den Freund mal eben in der Küche.
Nachdem alles immer weiter fortgeschritten war,
hatte jeder Haushalt nun ein Telefon, nicht wahr.

Das verursachte nun oftmals einen Dauerstreit,
denn die Kinder waren meistens leider nicht bereit,
ihre >wichtigen< Gespräche mal zu unterbrechen;
denn sie mußten pausenlos mit jemand sprechen.

Der Fortschritt ist nun nicht mehr aufzuhalten.
er verwöhnt die Jungen, ebenso die Alten.
Man hat das Handy also ständig griffbereit.
Man ist erreichbar, überall und jederzeit.

Kein Geheimnis! Nun weiß jeder hier im Bus,
daß das Gegenüber nachts noch dreimal muß…
und der Freund von vorne links in Reihe zwei
kommt in letzter Zeit nur selten noch vorbei.

Der coole Typ in Jeans und brauner Lederjacke
haut heute wieder extra lauthals auf die Kacke.
Tut so, als hätte er andauernd and‘re Bräute.
Marlies ist noch neu. Mit dieser
spricht er heute.

Von der Dame gegenüber aber weiß man schon:
sie hat einen dunkelhäutigen Schwiegersohn.
Es klingeln rundherum die Handys ohne Pause.
Ich muß noch drei Stationen fahren.

Ich will schnellstens jetzt nachhause…..

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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