Stipvisite

Von fern her kam ein Pinguin
mit seiner Gattin nach Berlin.
Spontan ihm dieser Einfall kam,
worauf er kurzen Abschied nahm

von Freunden und Verwandten,
sowie Nachbarn und Bekannten.
Er konnt‘ ja keine Reise buchen,
jedoch wollt er den Knut besuchen.

Man hat gepackt und war bereit.
Gelegenheiten gab‘s zur Zeit
mit Liniendampfer, Boot und Kahn.
Man trat die große Reise an.

„Mein Schatz, du bist total verrückt°
sagt seine Gattin ganz entzückt.
„Aufregend ist‘s mit dir, daß wußt ich,
denn du bis unternehmungslustig!“

Als sie in Hamburg angekommen,
hatten den Eilzug sie genommen
und waren beide auch sehr froh.
Der Zug hielt ja am Bahnhof Zoo.

„Na wunderbar, das trifft sich gut.
Da sind wir gleich direkt bei Knut.
Ich frage mich jedoch mit Bangen:
wird man hier Eintrittsgeld verlangen?“

„Nun bange nicht und hab Vertrau‘n.
Wir rutschen einfach durch den Zaun.“
Gesagt – getan. Und im Gedränge
einer enormen Menschenmenge

bekam man Angst, verlor den Mut
und dachte sich: wie schade, Knut!
Man konnte nicht in sein Gehege
und irrte planlos durch die Wege.

„Ach, liebste Frau, nun weine nicht“
der Pinguin zur Gattin spricht.
„Bisher ist alles gut gegangen.
Das Abenteuer hat erst angefangen.

Blicke nach vorn“ rät er mit froher Miene.
Schau mal da hin. Dort sind ja Pinguine!“
Tatsächlich! Und nun ist man froh,
denn Pinguine gibt‘s im Zoo.

Da fühlten sie sich besser gleich.
Die Kniee wurden ihnen weich.
Kein Tränchen wurde mehr vergossen.
Hier traf man ja auf Artgenossen.

Sie wurden freundlich aufgenommen,
obwohl sie von weit hergekommen.
Mit Fragen tat man sie nun quälen:
sie mußten ganz genau erzählen

was sie erlebten und gesehen,
Das konnt‘ ja mancher nicht verstehen,
der einen Eisberg nicht mal kannte.
Und niemand hatte hier Verwandte,

die fern am Pol zuhause sind.
Hier wurd‘ geboren jedes Kind.
Die Fragen stürmen auf sie ein.
Sie können kaum alleine sein.

Kein Ende nimmt die Fragerei.
Die ist nach Tagen nicht vorbei;
man hört den Gast oft leise fluchen:
wir wollten ja nur Knut besuchen!

Und eines Tages, welch ein Schreck,
da waren die beiden wieder weg.
Man suchte sie bereits seit Stunden
und hat sie trotzdem nicht gefunden.

Wo könnten sie geblieben sein?
Mir fällt‘s tatsächlich auch nicht ein.
Fährt man ans Ende dieser Welt
und hat nur wenig Reisegeld,

ist eine Rückfahrkarte Pflicht.
(Denn sonst kommt man nachhause nicht)!
Oder erst nach vielen Jahren.
(Ach, wärn‘se bloß nich wegjefahren!)

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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