Damit hat man nicht gerechnet

Die ältre Tochter von dem Fürsten
tat sich die blonden Haare bürsten.
Man hört sie leise stöhnen:
Ich muß bald wieder tönen!

Dann zog sie an ihr Sonntagskleid,
denn gleich war Mittagessenszeit.
Sie blieb ganz cool, suchte in Ruhe
nach einem Paar bequemer Schuhe,

dann ging sie hoheitsvoll ins Erdgeschoß,
wo man bereits den guten Wein genoß,
den man gekeltert hier auf diesen Gütern.
Man konnte sich damit im Nu betütern.

Der Fürst, ein Witwer, sehr sympathisch,
suchte erfolglos, allerdings fanatisch
nach einem vorzeigbaren Schwiegersohn.
Für die Jüngste hatte er ja einen schon.

Einen Baron mit interessanten Immobilien,
zum Teil im Ausland, und auch in Sizilien.
Die jüngste Tochter hatte er besonders gern.
Sie war, wie man so sagt, sein Augenstern.

Die Ältere jedoch machte ihm Kummer,
Das war eine ganz besondere Nummer.
Den Kopf für sich, wollte sie keinen Grafen.
Sie steuerte auch nicht in einen Ehehafen.

Es brach dem armen Vater fast das Herz,
als er erfuhr, es war durchaus kein Scherz,
was man ihm eines Tages hinterbrachte;
worüber man sich auch noch lustig machte!

Mathilde und der Chefkoch sind ein Paar;
und das, du großer Gott, schon fast ein Jahr.
Die Quintessenz nun dieses heiklen Falles:
Die Jüngste und ihr Immobilienfritze erben alles.

Der Vater hatte harte Worte noch gesprochen:
„Mir aus den Augen! Ihr könnt woanders kochen!
Als Mitgift gebe ich euch noch paar Flaschen Wein.
Zum Trost könnt ihr dann öfter mal betütert sein!“

(Diese Bemerkung war natürlich sehr gemein).
Wenn wahre Liebe wirklich ist im Spiele,
erreicht man auch zusammen große Ziele.
So hatten die Verbannten es vollbracht
und einen Sprung ins kalte Wasser nun gemacht.

Nach zwei- drei Jahren waren sie schon etabliert
und hatten ein gediegenes Restaurant geführt.
Bald kam hinzu ein kleines, elegantes Seehotel.
Ansehen und Beliebtheit wuchsen also schnell.

Zwar spät, doch stellte sich noch Nachwuchs ein,
man konnte deshalb rundum ganz zufrieden sein.
Mathilde dachte öfter noch an ihren alten Vater
und auch an das ganze überstandene Theater.

Im Seehotel nun feierten sehr fröhlich Gäste
den Geburtstag eines Herrn mit weißer Weste.
Der Unternehmer Rainer-Wilfried Hinze-Eberlein
lud großzügig aus jenem Anlaß heute alle ein.

Dieser Herr war allem Anschein nach begütert.
Seine Gattin, Lene-Lore, aber ziemlich angetütert.
Man bemerkte nicht, daß unterm Weinbestand
sich eine Flasche von der Mitgift noch befand.

Das heißt, sie hatte sich noch dort befunden.
Es vergingen allerdings schon ein paar Stunden,
und Lene-Lore trank nun von dem süßen Rebensaft!
Das hat sie aber umgehauen und geschafft.

Die Herren in der Bar simpelten natürlich fach,
doch Lene-Lore fühlte sich natürlich schwach
auf ihren schönen, gutgeformten langen Beinen.
Dann fing sie plötzlich leise an zu weinen.

Mathildes schützender Instinkt sofort erwachte,
als sie zurück an ihre eigene Jugend dachte.
Voll Mitgefühl und Anteilnahem sagt sie nett:
„Kommen sie, mein Kind. Ich bringe sie ins Bett!“

Die Unternehmergattin wurde leise nun verfrachtet
in deren Suite, wo man drei Tage übernachtet
mit Rainer-Wifried, dem ihr angetrauten Gatten,
die keine Kinder aber dafür einen Köter hatten.

Der war häßlich, bissig, hinterhältig und gemein
und biß mitunter auch die Postboten ins Bein!
Nun, jedenfalls blieb dieses Tier diesmal im Haus
und bellte böse Eindringlinge schnell hinaus.

Die Lene-Lore tat Mathilden in die Arme sinken.
Man tat zusammen noch ein paar Espressi trinken
Lene-Lore, etwas derangiert, saß auf dem Bette
und rauchte eine nach der anderen Zigarette.

„Ach“ sagte sie, „ich mach’ mir große Sorgen
.Heut feiern wir noch mal, aber schon übermorgen
wird unsere Zukunft überhaupt nicht rosig sein.
Auf einen üblen Gangster fielen wir herein!“

Man erfährt, ein Kerl mit reichlich Immobilien
im Ausland, und dann auch noch in Sizilien,
hat, wenn man es bedenkt, fas über Nacht
mit Tricks den Gatten um die Existenz gebracht.

Auch eine Menge Grundbesitzer, Fabrikanten,
die den windigen Baron inzwischen kannten,
kamen überraschend um ihr Hab und Gut.
Es blieb nichts zu Eigen, nur noch kalte Wut.

„Gute Nacht!“ sprach Lene-Lore, fiel in Schlaf
und sah ein bißchen dämlich aus. Wie’n Schaf.
Es war frühmorgens, beinah’ schon halb Viere,
da schloß Mathilde rücksichtsvoll die Türe.

´Das ist ein dolles Ding! Was ist denn da im Gange?
Das muß ich meinem Mann erzählen. Aber bange
ist mir auch! Man sieht, wie sich die Bilder gleichen!
Gehört Papa nun auch zu den geneppten Reichen?´

Im Zwielicht der Nachmittagstunde, gegen 17 Uhr,
stand ein alter Mann verlassen auf dem Flur.
„Könnten Sie wohl einen Nachtportier gebrauchen?
Schluß ist es ja schon lange mit dem Rauchen,

und mit dem Trinken ebenfalls. Leer ist mein Keller
mit dem Rebensaft. Und auch auf meinem Teller
liegt selten noch ein trocknes Stückchen Brot.
In tiefster Armut vegetiere ich dahin. Oh große Not!

Ein Bett und eine Mahlzeit, vielleicht eine Uniform.
Dies würde mir genügen. Die Aussicht wär’ enorm!“
Diese Vorstellung war wirklich sehr dramatisch,
der Alte allerdings charmant und charismatisch.

„Mein Vater!“ rief Mathilde nunmehr sehr bewegt
und hatte ihre weiße Hand ihm auf den Arm gelegt.
„Tritt näher, komm herein, sei uns willkommen.
Das hat ein unvorhergeseh’nes Ende ja genommen“.

Auch der Koch, nun Hotelier (und Schwiegersohn)
hörte von den üblen Machenschaften schon.
Er machte also deshalb wirklich kein Theater
und drückt den Alten an sein Herz:

„Mein Schwiegervater!“

Na siehste, weg ist er, dieser Gauner, der Baron!
Ich nahm den Koch. Da hatte ich viel mehr davon.
Und du, Papa, hast auch noch einen Enkelsohn.
Denkt sich Mathilde. Dann ging sie ans Telefon.

„Ja gern. Freut mich sehr…“ Familie Hinze-Eberlein
traf am Wochenende (mit dem Köter) ein……
So geht im Leben eben alles rauf und runter.
Wird schon wieder – so schnell geht man nicht unter.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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