Der Waidmann

Die Zeitung hatte er bereits gelesen,
nun konnte sie ihm auch noch nützen.
Es war die allerhöchste Zeit gewesen,
er mußte nunmehr hinterm Baume sitzen.
Ganz plötzlich war es ihn so überkommen,
ein dicker Baumstamm bot ihm Tarnung.
Ein Hase hatte schon Reißaus genommen,
und ein Vöglein hat gezwitschert: Warnung!

Nach einer Weile trat er auf die Lichtung
und schaute aufmerksam nach allen Seiten.
Dann wechselte er erst mal die Richtung.
Sein Dackel tat ihn heute nicht begleiten.
Heut hatte er sich Großes vorgenommen,
er wollte nämlich einen Hirsch erlegen.
Als ob das aber nun so einfach geht!
So einfach gehr das nicht. Von wegen!

Der Jäger spähte nunmehr konzentriert,
und forsch durchdrang er das Dickicht.
Er hatte mehrmals einen Blick riskiert,
doch einen Hirsch, nun ja, den sah er nicht.
Das war sehr deprimierend. Immer wieder
befällt ihn Lust auf einen kurzen Schlummer.
Er sucht sich einen Platz und schließt die Lider,
schläft ein und gleich vergißt er seinen Kummer.

Er liegt auf weichem Moos, und seinem Munde
entströmen immer wieder sanfte Melodien.
So friedlich ist das Bild zur mittäglichen Stunde.
Den Rucksack unterm Kopf, die Flinte auf den Knien.
Feen lassen sich hernieder aus den Zweigen,
die sanften Schatten spenden unterm großen Baum.
Elfen tanzen zart und lieblich einen Reigen
und hüllen ihn dann ein in einen Traum.

„Ich bin der König dieses Waldes“ spricht der Hirsch.
„ Du kannst dir Wildbret schießen, du mußt essen.
Du bis der Waidmann, du gehst eben auf die Pirsch.
Doch eines darfst du dabei nicht vergessen:
Du willst mich töten, du willst mein Geweih,
und später hängt es dann in deinem Zimmer.
Damit willst du dich rühmen. Doch verzeih,
du hast es mir genommen und ich lebe nimmer.“

Der Waidmann kam nach Haus zur Abendstunde,
die Sonne wollt’ im Westen gerade untergeh’n.
Er blickt noch einmal flüchtig in die Runde
und sieht den Hirsch am Waldesrande steh’n.
. Er schaut herüber und senkt das Geweih,
dann kommt er majestätisch in die Nähe,
und läuft nun dicht am Gartenzaun vorbei,
damit der Waidmann ihn auch richtig sähe.

„Du bist der König“ sagt der Waidmann leise,
„ich will dich um dein Hoheitszeichen nicht berauben.
Ich achte nunmehr deinen Rang auf meine Weise,
Ich verspreche es, du kannst mir glauben!“
Dies Versprechen hielt er also Jahr um Jahr.
Er und der König – gute Freunde allemal.
Jedoch war sein Geweih so wunderbar,
das weckte allseits Habgier. Eine große Zahl

von Jägern, begleitet von der wilden Meute
traf sich im Morgengrauen, “Auf zum Jagen“,
besonders blutrot war das Abendrot nun heute,
als man den toten König hat herbeigetragen.
Der Waidmann sah von Ferne das Geschehen
und dachte noch einmal zurück an seinen Traum.
Er hatte alles noch einmal vor sich gesehen,
als er erwachte damals unter einem Baum.

Und um den Hirsch, den guten alten Freund,
hat er ne ganze Weile noch geweint.

.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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