Der alte Brunnen

Im Park, etwas abseits von den Wegen
da gibt es einen Brunnen, der ist alt.
Die Steine sind zerbröckelt schon.
und unkenntlich ist die Gestalt,
die blicklos in die Ferne schaut
und einst geziert den Brunnenrand.
Mit dunklem Moos ist überzogen
die fast zerstörte rechte Hand.
Sie weist mit einer unbestimmten Geste
den Besucher auf: schau doch hinein!
Das Brunnenbecken ist nun leer.
Was könnte dort gewesen sein?

Der Herbst läßt bunte Blätter regnen
und manche landen auf dem Brunnenrand.
Und immer in das leere Brunnenbecken
zeigt hinweisend die halb verfallene Hand.
Ein alter Mann führt seinen Hund spazieren
und sieht, wie gern man wissen wollte,
warum sie es getan, und immer noch.
Was es wohl einstmals auch bedeuten sollte.
Der Alte schmunzelt ganz verschmitzt,
als hätte er die Antwort längst gefunden:
Im Brunnen muß erst etwas Wasser sein.
Meist ist es so nach ein paar Regenstunden.

Es gab inzwischen nun die ersten Winterstürme,
es regnete, die Äste wurden schwarz und kahl,
man ging einsam durch den Park die alten Wege,
noch bevor der Winter kam, zum letzten Mal.
Der Wasserspiegel zitterte im alten Brunnen.
Das fahle Sonnenlicht fing er dort flüchtig ein.
Die Hand, die ganz bemooste und verwitterte,
noch immer weist sie in den Brunnen dort hinein.
Etwas ängstlich saß ich auf des Brunnens Rand,
gespannt zu sehen, was sich nun offenbarte.

Da spiegelte sich mein Gesicht und eine Wolke.
Das war es sicher nicht, worauf ich harrte.

Durchfroren und enttäuscht wollte ich gehen,
dem großen Rätsel, dacht’ ich, wär’ ich auf der Spur.
Es wurde dunkler und auch merklich kühler.
Ziemlich ungemütlich war inzwischen die Natur.
Noch einmal saß ich auf dem Rand des Brunnens.
Versonnen sah’ ich lächelnd in mein Spiegelbild.
Erinnerungen waren mir ganz sacht gekommen
an einen lauen Frühlingstag. Die Luft war mild.
Ein kleines Mädchen ging spazier’n mit Großmama,
sie lachten beide und schauten sich im Wasser an.
Da saß sie also auch schon da, die weiße Steinfrau,
nur: ihre ganze Hand war damals noch daran.

Es gibt so viele Orte, es sind der Kindheit Meilensteine,
die man oft längst vergessen und die verzaubert sind.
Einige hab’ ich gefunden ohne sie direkt zu suchen.
Blicke durchs Fenster – mit Scheiben, fast blind.

LEWI

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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