Betriebsversammlung

Kommen Sie Kollege Krause

denn gleich nach der Frühstückspause
lud unser Chef, Herr Enderlein
uns zur Betriebsversammlung ein.
Er denkt ja, er wär‘ sehr beliebt.
Mal hören, was er von sich gibt.
Am besten ist, auf stur zu schalten.
Wir könn‘ uns später unterhalten.

„Meine Herren! Diesbezüglich eine Frage –
ich erwarte den Bericht zu uns‘rer Lage.
Was haben Sie zu sagen, nun ich will es hören.
Und sagen Sie Bescheid, man soll uns jetzt nicht stören.“

„Tja Chef, ich mein, Herr Doktor, äh, Herr Doktor Enderlein:
die Lage ist nicht hoffnungslos, doch könnte sie auch besser sein.
Will sagen, daß wir hoffen – also, daß wir nicht ganz ohne Hoffnung sind…
man sagt, die Henne findet noch ein Korn, auch wenn sie blind…

Vielleicht kann der Kollege Neumann Sie da besser informieren;
ich mußte ja die Unterlagen auch zunächst erst mal studieren….
Das ist ja etwas zeitaufwendig – dazu bin ich noch nicht gekommen.
So viele andere Dinge haben ja in Anspruch mich genommen.

Es könnte aber sein, daß unsere Sekretärin, die Frau Krefft
(angeblich ja und auch in Ihren Augen die Seele vom Geschäft)
uns unterstützen könnte mit ‘ner guten Tasse Kaffee. äh,‘nem Bericht.
Durch ihre Hände geht ja alles, und der entgeht so schnell auch nischt!“

„Meine Herren, bisher hab‘ ich noch nichts vernommen von Belang.
Sie steh‘n denn die Finanzen. Gibt‘s etwa Ärger mit der Bank?
Wie ist die Auftragslage? Wie hoch sind denn die Außenstände?
Herr Neumann! Betrachten Sie nicht dauernd Ihre Hände!“

„Ach Chef, die Außenstände – ja, die haben wir natürlich – so wie alle!
Mancher zahlt und mancher nicht – viel Zeit vergeht in jedem Falle.“
„Herr Neumann, wenn es zu lange dauert – was unternehmen wir?“
„Ich geb‘ es in die Mahnabteilung, im Erdgeschoß in Zimmer vier.“

„Mein Gott Herr Hempel, wie ist die Auftragslage, reicht sie aus?“
„Ich hoffe es. Bin in letzter Zeit zu nichts gekommen; baue grad‘ ein Haus,
Ich werde schnellstens einmal alles, was noch daliegt, überschlagen.
Dann kann ichIhnen annähernd berichten, kann ich etwa sagen…“

„Herr Klinger! Wer sagt mir, ob das ganze Personal im Einsatz ist?
Seit vielen Tagen habe ich schon einmal diesen oder jenen oft vermißt?“
„Ja ja, das stimmt. Das ist doch klar, daß hin und wieder einer fehlt .
Mal dieser und mal jener eben, ich hab‘ nicht immer nachgezählt.“

„Nun gut! Ich habe festgestellt, das, was ich wollte wissen.
Ich hab‘ mit meinem Personal mich gründlich angeschissen.
Wir hatten nun zusammen in der letzten halben Stunde
die absolute, aufschlußreiche, die Expertenrunde.

Allein nur Sie zu finden, so einfallsreiche Leute,
jeder mit dem Motto: morgen – morgen – nur nicht heute.
Was du heut‘ nicht mußt besorgen
das verschieb auf übermorgen.

Eile mit Weile.

Die Firma habe ich verkauft. Also ab morgen
macht sich ein neuer Chef dann seine Sorgen.
Oder auch nicht. Das kann man ja nie wissen.
Ich werd‘ mich aber nicht mehr sorgen müssen.

Das geht mich alles nichts mehr an, nich wa !?
Bis dahin bin ich längst schon in Amerika!

Viel Spaß. Das wa‘s. Leben Sie wohl meine Herren“
.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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