Recht getan

JÖNNE DIR WAT, OOCH WENNSTE IN NOT BIST.
WAT HASTE VON’T LEBEN, WENNSTE ERST DOT BIST.

Der Meister Erwin war ein braver Mann.
Er fing früh morgens mit der Arbeit an
und ruhte bis zum späten Abend nicht.
Auch nach dem Abendessen sah man Licht
noch in der Werkstatt. Kleine Sachen
wollte er noch zu morgen fertig machen.

Die Erinnerungen an die bitt’ren Tage,
die Armut trotz der schweren Plage,
der Eltern Sorgen auch tagaus, tagein –
bedrückten ihn. So sollte es bei ihm nicht sein.
Er wäre gern einmal verreist in ferne Zonen,
um nachzuseh’n, wie dort die Menschen wohnen.

Die Meisterin war Sparsamkeit gewöhnt,
sie hatte niemals sich beschwert oder gestöhnt.
Die Kinder sollten es doch einmal besser haben
Wie’s alle Eltern wünschen. Für zwei Knaben,
die etwas lernen sollen, ist der Aufwand groß.
Da legt man seine Hände auch nicht in den Schoß.

Sie wurden alt, der Meister und die Meisterin.
Die beiden Söhne lebten heiter vor sich hin.
Das Erbe, das der Vater schuf, es war nicht klein,
da mußten sie zur Zeit ja nicht so emsig sein.
Man ist nur einmal jung, liebt Freuden und Genuß.
Das machte Meister Erwin aber ordentlich Verdruß.

Im Herbst, an einem schönen warmen Tage
überrascht er seine Frau nun mit der Frage,
wie sie es fände, wenn sie beide jetzt verreisen,
um den jungen Herren einmal zu beweisen,
daß Freude und Genuß nicht nur für Jugend
und die Sparsamkeit für’s Alter eine Tugend.

Der Meister und die Meisterin nahmen all ihr Geld
und reisten in die Ferne, besahen sich die Welt.
Sie schrieben ab und zu mal Ansichtskarten
und konnten es mitunter nicht erwarten,
das nächste Reiseziel bald zu erreichen,
um das Gesehene miteinander zu vergleichen.

All das, was sie im Leben stets versäumt,
all das, wovon sie manches Mal geträumt,
all das, wo das Gewissen immer sagte: NEIN,
all das, das forderten sie nun für sich ein.
Sie waren glücklich, daß sie es zusammen konnten,
als sie sich auf einer Bank am Hafen sonnten.

„Wir haben’s recht getan. Es ist nicht gut,
wenn unter Opfern man für seine Kinder alles tut.
Sie müssen lernen, daß ihre eigene Kraft
auch ihren eigenen Wohlstand schafft.
Und sind die Zeiten so, daß es nicht will gelingen,
dann geht’s den anderen ebenso,
davon kann ich ein Liedchen singen“.

Die bunten Ansichtskarten kommen öfter an,
auf denen man erstaunt bewundern kann,
was die Welt an Schönheit so hat vorzuweisen.
Deshalb lohnt es sich auch immer, zu verreisen.
An sehr vielen Orten sind sie schon gewesen,
und trotzdem kann man immer wieder lesen:

„Wohin der Wind uns noch wird treiben,
wenn wir da auch zusammen bleiben
und weiter uns die Welt besehen können:
das kann man einen Lebensabend nennen
voller Erfüllung, Liebe und in Harmonie“
.
Nicht viele Menschen haben es so gut wie sie.

LEWI

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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