Weltschmerz

„Mathilde, ach Mathilde,
du bist nicht recht im Bilde.
Ich hab‘ kein Geld, es tut mir leid.
Zieh‘ an noch mal das alte Kleid.“
„Du meinst bestimmt das gelbe;
schon hundert Mal dasselbe.
Mein Gott, wie oft hat ich das an.
Das gleiche Kleid, der gleiche Mann.
Was soll‘n die anderen dazu sagen,
die jedes Mal was Neues tragen.

„Mathilde, ach Mathilde,,
was führst du nur im Schilde.
Ich halte nichts von diesem Rummel.
Dann kaufe dir ‘nen neuen Fummel;
ein schwarzer wäre angebracht.
Dann nimm das Geld, und gute Nacht.
dann macht man Dir bestimmt Avancen.
Die Herren woll‘n gerne mit dir tanzen.
Wehmutsvoll lächelst du sie an:
vielleicht find‘st du ein Opferlamm.“

„Ach Ludewich, ach Ludewich,
du weißt genau, es ärgert mich.
Jetzt wird es höchste Zeit.
Ich brauch ein neues Kleid.
Das alte ist zu eng für mich,
und außerdem: gelb steht mir nich.
Du kannst schon mal die Kröten zählen.
Ich werd‘ dich auch nie wieder quälen!“
Vor‘m Schaufenster, das sieht der Kenner,
da steh‘n hilflose Ehemänner.

Die klopfen auf die Brust: na kla (r.)
Die Brieftasche, sie ist noch da.
Die Tür geht auf, die Liebste lächelt.
Und mit dem Händchen fröhlich fächelt
sie frische Luft sich in‘s Gesicht,
und frohgemut sie zu ihm spricht.
Heiter erlöst sie ihn von seinen Qualen:
„Liebling komm rein, Du kannst jetzt zahlen!“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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