Man hört so oft, daß im Prospekt nicht die ganze Wahrheit steckt

man liest den Text und denkt sich dann:
ob es wohl schlimmer kommen kann?
Die Fremde lockt uns; das Exotische,
das Unbekannte, das Idiotische.
Das Romantische, das Wilde.
Man ist ja nicht genau im Bilde.
Das Ungewöhnliche möcht’ man so gern erleben.
Das Unvorhergesehene. Abenteuer eben.

Hängt über dir ne Kokosnuß
am Palmenbaum, bringt das Verdruß.
Wenn du dort einschläfst, sie fällt runter,
dann wirst du sicher nicht mehr munter.
Drum ist es ratsam, nicht zu schlafen unter Palmen,
du könntest schneller hin sein als vom Tabak qualmen!
Das Meer ist unberechenbar, geh nicht so weit hinein;
du prüfst erst mal, wie tief es ist, und schon fehlt dir ein Bein.

Man hat, es dir zu sagen, leider ganz vergessen:
in dieser Gegend sind die Fische sehr verfressen.
Man hat schon oft genug gehört, die Affen
machen einem auch ganz schön zu schaffen.
Schon mancher Gast bekam dann einen Schreck:
der größte Teil war nämlich weg von dem Gepäck.
Wenn sie dann kreischend durch den Urwald sausen,
dann werfen sie es einfach fort. Die Affen. Die Banausen!

Und achte drauf bei dem Bezug einer Behausung,
ob sie gereinigt. Sonst droht dir vielleicht Entlausung.
Draußen krabbeln manchmal dicke, große Spinnen,
die beißen. Also, bleib mal vorsichtshalber drinnen.
Doch drinnen krabbeln eine Menge anderer Tiere,
da geht man dann halt vorsichtshalber vor die Türe.
Viele Menschen lieben es nun einmal ganz exotisch,
für manche Paare ist der Reiz auch noch erotisch.

Ein Bein ist ab, am Kopf (falls noch vorhanden) ist eine Beule.
Von wilden Tieren hört man nachts im Urwald das Geheule.
Wenn eins vor deiner Türe auf dich wartet, ausgehungert,
hat es solange ganz beharrlich dort herumgelungert.
Du trittst frühmorgens raus, willst nach dem Wetter sehen.
Schon schnappt es zu. Ach, nebenbei: Heut wird es schön!
Wenn man’s bedenkt, ist es ja oftmals nicht zu fassen
was manche Leute sich den Abenteuerurlaub kosten lassen.

Was die verspeisen, was die so kochen in der Ferne,
das ißt man ja nicht immer ausgesprochen gerne.
Da riecht man ja von weitem schon den Braten.
Was die geschlachtet haben, kann man ja nur raten!
Willst du dein Gewissen und die Nerven schonen,
öffne lieber eine Büchse mitgebrachte Grüne Bohnen.
Man möchte ja mit solchen Tatsachenberichten
die Lust auf Abenteuerurlaub nicht direkt vernichten.

Man tröstet sich: man schätzt nun mal ein andres Klima.
Wenn man’s bedenkt: bei uns ist auch nicht alles prima.
Geht man hier irgendwo einfach ins Wasser rein,
fehlt einem eines Tag’s womöglich auch ein Bein.
Man weiß ja nicht, was außer uns noch drinnen war.
Manch’ Chemikalien wirken gleich, oder erst nach einem Jahr.
Den Kopf behält man in den meisten Fällen dran,
damit man notfalls ab und zu mal denken kann.

Ist das nicht schön? In Freiheit leben? Man hat Rechte.
Man kann also Urlaub machen, wo man gerne möchte.
Man kann sich auch die wildesten, entfernten Ziele wählen.
Kommt man heil wieder, kann man allerhand erzählen.
Mann wird darum beneidet, hat man die Welt gesehn.
Man sollte nicht vergessen: hier ist es auch ganz schön.
Man hat die Welt gesehen, man kennt sich bestens aus.
Doch oftmals kennt man wenig über das eigene Zuhaus.

LEWI, September 2009

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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