Daheimgeblieben

Die Welt ist toll vor Reisewut,
indes zu Haus der Weise ruht.
Und lächelnd – oft auch leicht verschroben –
in das Gewühl blickt: „Laßt sie toben!“
So ist Spinoza nie gereist –
und doch, welch weltenweiter Geist!

Auch Kant, der wunderliche Zwerg
kam nie heraus aus Königsberg.
„Die Welt geht“ – sagte Pascal immer –
„zugrund dran, daß in seinem Zimmer
der Mensch nicht sitzen bleiben will!“
In Frankfurt lebte deshalb still

der Schopenhauer samt dem Pudel:
„Wer Geist hat, liebt nicht das Gedudel.“
Von Shakespeare weiß man nichts Genau‘s.
Doch offenbar bleib er zu Haus –
und zeigte allerdings auch nie
sich stark in der Geographie.

Wußt nicht, was jedes Kind heut wüßte,
und schreibt ganz dreist von Böhmens Küste.
Und wo kam Schiller denn schon hin?
Die weit‘ste Reise war Berlin!
Die Schweiz, die er so schön beschrieben,
zu seh‘n, ist ihm versagt geblieben.

Die ,ökonomische Verfassung‘
zwang ihn zur Reiseunterlassung.
Die Kleinen auch, wie Vater Gleim,
sie blieben lebenslang daheim.
Der Möricke kam nie aus Schwaben,
wo er geboren und begraben.

Bemerkenswert auch, das man Swift
persönlich nur in England trifft,
von wo aus er de Gulliver
auf weite Reisen schickt umher.
Auch Defoe, der als Jüngling zwar
in Frankreich und in Spanien war,

blieb dann daheim (laut Lexikon)
und schrieb dort seinen Robinson.
Als weitgereist denkt gleichfalls gern
der Leser sich wohl Jules Verne;
der selbst, meist lebend in Paris,
nur and‘re weltumreisen ließ.

Und ebenso war der Karl May,
wie man ihm nachwies, nicht dabei.
Er machte große Reisen zwar.
nachträglich erst, vom Honorar.
Der größte Maler, Rembrandt kam
so gut wie nie aus Amsterdam.

Noch könnt ich glänzen als Beschreiber
der klassischen Zuhausebleiber,
die wie der Pabst im Vatikan
nicht einen Schritt hinaus getan,
und die oft weltfremd nur geschienen:
die Welt kam, umgekehrt, zu ihnen!

Der cherubinische Wandersmann
fing erst auf Erden gar nicht an.
hoch über‘m lauten Weltgewimmel
zog er geadewegs zum Himmel.

*****
(Das ist nun leider nicht auf meinem
Mist gewachsen, aber der unglaublich gewandte
und von mir sehr verehrte Eugen Roth
hat, glaube ich, kein Thema ausgelassen,
um es nicht in Gedichte zu verpacken.)

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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4 Antworten zu Daheimgeblieben

  1. haluise schreibt:

    die innere weite ist viiiiiiiiel WEITER !

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