Zeit für Märchen

(Rumpelstilzchen)

Das liest man fast täglich im Wirtschaftsbericht:
noch gestern gab‘s Firmen, die gibt‘s heute nicht.
Plötzlich verschwunden! Schwupp! Lauter Pleiten!
Das geht ja ganz schnell in den heutigen Zeiten.

Da gab‘s wohl schon mal n‘ Fabrikantensohn.
der kam noch grad‘ so ungeschoren davon.
Betriebswirtschaft tat er fleißig studieren.
Er wollt‘ ja mal Vaters Imperium führen.

Das war überschaubar. Nicht eben sehr groß.
Da legte sogleich er mal tatkräftig los.
Ein Fahrzeug erster Klasse wurde angeschafft;
viel bewundert, öfter staunend angegafft.

„Da kommt der Chef“ hört man die Leute raunen.
(Die konnten über‘n Junior oft nur staunen.)
„Mir offenbaren sich ganz klar die Hintergründe!
Ich wünsche, daß ich keine Widerworte finde!

Sonst fliegt ihr raus! Dann rumpelt‘s im Karton.
Ich jag‘ euch alle gnadenlos auf und davon!“
Das wollt‘ ja niemand. Also: biste eben stille.
Man schluckte zähneknirschend diese bittre Pille.

Sogar der alte Vater denkt oft schadenfroh:
ja ja du Großkotz, mach mal immer weiter so!
Denn nur alleine von dem trockenen Studieren
kann man nicht mal ein kleines Unternehmen führen.

Eines Tages war der Junior aber schwer verliebt.
Er wollt‘ kaum glauben, daß es so etwas noch gibt.
Ein wunderschönes Mädchen, leider ohne Bares.
Doch Liebe ohne Geld ist wirklich etwas Rares.

Die Ehe hatte er der schönen Maid versprochen.
Er hatte, wie man sagt, nun „Morgenluft“ gerochen.
Sie kannte einen, der war zwar kein Ehrenmann,
doch kam er unbemerkt an größre Summen ran.

Die Maid war schön, jedoch war sie nicht dumm.
„Wie komm‘ ich nur um das Versprechen rum,
das ich gegeben in der großen Not der Stunde.
Es einzuhalten reißt ins Herz mir eine tiefe Wunde!“

Längst war das junge Paar nun Mann und Frau.
Der smarte Unternehmer nahm‘s nicht so genau
nun mit der Ehe. Sich um ihn die Mädels rissen,
weil er mit Geld nur immer so um sich geschmissen.

Die junge Frau sann schon auf Rache ab und zu.
„Wie werde ich dich los, du miese Ratte du?
Die Liebe ist schon lange Zeit entschwunden.
Die währte leider nur für ein paar kurze Stunden.

Sie saß am Abhang, dacht: was mach ich bloß –
und hielt ihr kleines Kindchen auf dem Schoß.
„Ein gutes Leben wird uns sicher nicht erwarten.
Ja ja, das Schicksal mischt nun mal die Karten“

Da nahte plötzlich sich mit leisen Schritten
und zynisch grinsend abwartend inmitten
von Gras und Blumen dieser Geldverleiher.
„Na, das war wohl nichts mit deinem Freier“

so spricht er hämisch nun, und funkelt böse
und zieht dabei andauernd hoch die Neese.
Ein übler Kerl ist das fürwahr bei Tageslicht.
Im Dunkel damals sah man das ja nicht.

„Gib her das Kind, du hast‘s versprochen!
Ich bin den Abhang ja hinaufgekrochen,
um dich zu treffen. Also mach schon, los!
Sonst reiße ich das Kind von deinem Schoß!“

„Halt! Langsam. Ich denunzier dich bei der Bank!“
„Ach Gott, darüber lache ich mich wirklich krank.
Willst du ihnen denn meinen Namen nennen?
Dann müßtest du ihn ja auch erst mal kennen!

„Ich kenne ihn, du hast ihn mir je selbst gesagt,
als ich dich damals habe öfter mal danach gefragt.“
Ans Herz drückt liebevoll sie ihren kleinen Pumpel:
„Ich weiß Bescheid, denn du heißt Stilzchen Rumpel!“

„Ha ha, Ha ha, da lacht ja wirklich die Koralle!
Ja sag es nur, du dummes Ding! In diesem Falle
lang ich noch einmal tüchtig zu; sodann verschwinde
ich mit nem Haufen Geld zusammen mit dem Kinde!“

„Frohlocke nicht so früh, dein Hohn mir nur beweist,
daß du tatsächlich nämlich Rumpel Stilzchen heißt!“.
„Ach ja“ tönt‘s hinter ihnen. “Daß ich‘s nicht vergesse:
das wird ein gefundenes Fressen für die Presse!“

Den Abhang rennt der ungebetene Gast hinunter
und reuevoll beteuert nun der Gatte munter,
daß er hinfort der Gattin nun ergeben, treu und brav.
Sie tut, als wenn sie‘s glaubt. Sie ist kein Schaf.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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