Auf dem Jahrmarkt

sitzt ein Mann mit Bart, in bunten Sachen,
die dem Beschauer sofort deutlich machen,
daß hier einer sitzt, der kommt aus dem Orient,
und, der eine ganze Menge Märchen kennt.

Mit schöner Stimme, schon seit ein paar Stunden,
erzählt er sie. Er hat sehr viele Zuhörer gefunden,
die voller Spannung lauschen. Sie sitzen stumm
und aufmerksam nun zu seinen Füßen rum.

Von schönen Sultanstöchtern kann er was erzählen,
von bösen Geistern, die gern manche Leute quälen.
Von Kalifen, von Eunuchen und auch von Piraten,
die viel Schreckliches zu allen Zeiten leider taten.

Die Münzen sammeln sich in einer Kupferschale,
und nochmals wiederholt er, zum wievielten Male,
Kalif Storch, den kleinen Muck und Sindbads Reisen,
die seinen großen Märchenschatz erneut beweisen.

Dann wird es Zeit, er ist schon müde und will geh‘n.
Ein kleiner Junge bleibt ein Weilchen bei ihm steh‘n.
Er mault ein bißchen rum, und dann sagt er gequält:
„Vom Geist in der Flasche – da hast du nichts erzählt!“

„Was soll ich da erzählen“, er klopft auf seine Tasche.
„Er ist sorgsam weggesperrt, der Geist in seiner Flasche.
Erst, wenn ich zuhause bin, wird er daraus befreit.
Gemeinsam verbringen wir dann noch ein bißchen Zeit!“

„Will er denn wieder rein? Ich meine, in die Flasche?“
„Na klar, da hat er‘s gut, und warm in meiner Tasche!“
„Wirst du dann morgen die Geschichte endlich erzählen?“
„Kind, du kannst einen aber auch entsetzlich quälen!“

Der Mann geht nun heim. Und in seiner Tasche
hat er Geld und den guten Geist in der Flasche.
Was er verloren, verlassen; Albträume ihn quälen.
Morgen wird er wieder allen Märchen erzählen.

LEWI

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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