Des Einen Freud ist des Anderen Leid

Zwei Tausendfüßler wanderten
durch einen großen Wald.
Es regnete seit Tagen schon
und war empfindlich kalt.

Der Adolar schritt kräftig aus
und hofft auf besseres Wetter.
Der andere jammert unentwegt.
Denn Waldemar, sein Vetter

beschwerte sich seit Stunden
wehleidig, müd und matt,
weil er an einer Menge Füßen
inzwischen große Blasen hat.

„Geh‘ du voraus, ich bleib zurück“
sagt Waldemar, der Vetter.
„Das ist ja auch total verrückt,
ein Marsch bei diesem Wetter!“

„Mach was du willst“ sagt Adolar
und läßt den Jammerlappen stehen.
„ich habe keine Lust zu warten.
Du mußt alleine weitergehen.“

Da saß der arme Waldemar
ganz traurig unter einem Steine.
Er gab sich voll dem Kummer hin
und zählte seine kranken Beine.

Im Sauseschritt kam eine Spinne
und suchte Schutz vor Wind und Regen.
„Hier ist es wirklich ziemlich eng;
man kann sich beinah nicht bewegen.

Ich brauch den Platz“ sagt Waldemar.
„Ich kann die Füße kaum bewegen.
Da drüben steht ein brauner Pilz,
der schützt dich auch vor Regen.“

Die Spinne sah die schlimmen Füße
und Waldemar tat Ihr sehr leid.
„Nun heul nicht rum. Ich werd‘ dir helfen.
Wir ham‘ ja noch ne Menge Zeit!“

Die Spinne wob mit zarten Fäden
um jeden Fuß ihm einen weichen Schuh.
Sie hatte vorher ja noch draufgespuckt.
Der Schmerz gab also deshalb Ruh‘.

Und als die Sonne wieder strahlte,
marschiert der Waldemar fürbaß.
An einer Bodendelle fand er Adolar,
ermattet, hilflos bleich und blaß.

„Ach lieber Vetter, hilf mir doch“
so jammert nun der forsche Adolar.
„Das tut mir aber wirklich leid.
Ruh‘ dich nur aus!“ sagt Waldemar.

„Du mußt mir helfen. Glaube mir,
denn zu helfen, das ist deine Pflicht!“
So jammert dieses Mal der Adolar,
doch Waldemar, den stört es nicht.

„Ich helfe dir mit einem guten Rat.
Üb in Geduld dich, laß das klagen.
Du wirst dich ganz bestimmt erholen.
Eine Frage nur von wen‘gen Tagen.

Und auf der Jagd nach den Rekorden
stürmst du dann wieder querfeldein.
Der ganze Schmerz ist schnell vergessen.
Ein Samariter wirst du nicht geworden sein.“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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