Mein liebes Kind……

(Die besorgte Pferdemama)

„Mein liebes Kind“ sagt diese Mutter ihrer Kleinen,
„du stehst ja schon recht fest auf deinen Beinen.
Doch rat ich dir entschieden, meine Süße,
gib ganz besonders Acht auf deine Füße!

Du wirst ja groß und schwer, du wirst noch wachsen,
drum ist es wichtig, du hast auch gesunde Haxen.
Denn, was auch kommt, in jedem Fall:
die Beine sind dein Kapital!

Zu schnell vergeht die Zeit, nun laß uns weiter weiden;
mal kommt der Tag, an dem wir müssen scheiden.“
Die Sonne scheint, der Tag ist warm; nun laufen alle beide
hoppla hopp und im Galopp über die grüne Weide.

Na jedenfalls, wie Mütter sind,
andauernd sagen sie dem Kind
was ihm noch in der Zukunft droht:
kein Zuckerschlecken bis zum Tod.

Das Leben birgt oft Hindernisse,
dann stolpert man ins Ungewisse.
Na jedenfalls, wie Kinder sind,
sie schlagen alles in den Wind

und woll’n nichts hör’n von solchen Sachen.
Sie werden es schon richtig machen.
Und zärtlich ruht der Blick der Mutter auf dem Kind,
sie war ja auch mal eins und weiß wie Kinder sind.
Die Sonne scheint, der Tag ist warm, nun laufen alle beide
hoppla hopp und im Galopp über die grüne Weide.
Der Tag war lang, das Kind ist müd’,
von fern erklingt ein Abendlied.

Die Sonne ist schon fast gesunken.
Man hat gefressen und getrunken,
und Mutter schöpfte neue Kraft indessen,
denn sie hat eine Menge fast vergessen,

die sie dem Kind noch muß erzählen,
weil sie sonst diese Dinge quälen.
Man macht sich um sein Kind doch Sorgen,
drum sagt man’s lieber heut’ als morgen.

„Die Zukunft ist noch ungewiß –
vielleicht bleibst du ja hier bei mir,
(bloß das nicht, denkt das Kind) und wir
werden gemeinsam unsere Reiter tragen.

Das wäre schön, doch solche Fragen
sind ja noch nicht so aktuell.
Jedoch, die Zeit vergeht sehr schnell;
vielleicht wird man dich auch verkaufen –

du mußt für einen Rennstall laufen –„
Dem Kind fallen die Augen zu,
doch Mutter gibt noch keine Ruh’:
„Vielleicht kommst du zu einem Bauern,

vielleicht mußt du im Stall versauern,
vielleicht……“ Der neue Morgen grüßt mit Sonnenschein,
da wird es wohl auf jeden Fall das Beste sein,
das Leben nun in vollen Zügen zu genießen,

und nicht schon jetzt zukünft’ge Tränen zu vergießen.
Und frisch und munter tollen alle beide
über die saftige grüne Weide.
„Ach Kind“ sagt abends dann besorgt die Mutter,

und schnieft geräuschvoll in ihr Futter:
„Ich hab’ total vergessen dir noch eins zu sagen:
wenn du mal Kummer hast in fernen Tagen
mit deinen Beinen, deinen Füßen, deinen Hufen,

mußt du ganz intensiv und konzentriert nach Hartmut rufen.
Der wird dich hören, hat bestimmt den Ruf vernommen
und wird dann auch, so schnell wie möglich, kommen.
Vergiß das nicht und präge es dir ein,

denn es wird ganz bestimmt zu deinem Nutzen sein!
Falls er nicht kann: in jedem Falle
kommt dann sofort zu dir der Kalle.
War schlimm die Sache, die passiert,

hab keine Angst, du wirst kuriert!“
Das Kind hat diesen Rat in seinem Kopf notiert:
den Notruf für den Fall, das was passiert.
Und nun will es von Muttern nichts mehr hören;

das könnte ja die Lebensfreude stören,
die man, wenn man noch klein ist, voll genießt,
weil man die bitt’ren Tränen ja noch früh genug vergießt.

(Für Hartmut und Kalle/Kalle, der Schmied von Sylt)

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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