Die sieben Raben

Der Rabe Anton sagt: „Ich sehe
nur ab und zu ‘ne Nebelkrähe.
Die Spatzen sind mir viel zu klein,
mit denen lass‘ ich mich nicht ein.“
Er sprach zum Raben Benjamin:
„Was hältst du denn so von Berlin?
Man hört es immer wieder:
Dort hin zieh‘n uns‘re Brüder!“

D‘rauf meint der Rabe Benjamin:
“Dann laß uns fliegen nach Berlin.
Ich hoffe doch, du weißt Bescheid?
Wie lange fliegt man? Ist es weit?
Schnell hätten Abschied wir genommen;
glaubst du, man heißt uns dort willkommen?“
„Ich hoffe. Man hört‘s immer wieder:
dort gibt‘s ‘ne Menge uns‘rer Brüder!“

Der Rabe Hermann hörte zu,
und was er hört, raubt ihm die Ruh‘!
„Ich sei“ spricht er „in eurem Bund der Dritte.
Das ist doch keine unbescheid‘ne Bitte!“
Der Rabe Willibald saß stumm
auf einem anderen Ast herum
und hörte auch von diesen Plänen.
Darauf begann er, laut zu stöhnen:

„Was soll ich hier, nehmt mich auch mit,
zu Viert ist besser als zu Dritt.“
Die beiden Raben Max und Fritz,
die hielten das für einen Witz.
„Was ist denn das für ein Verein?
Da treten wir doch gleich mit ein.
Wann geht es los? Wann fliegen wir?
Und wann sind wir dann wieder hier?“

Sie alle saßen nunmehr jetzt auf einem Ast,
dem ungewohnt war diese schwere Last.
Mit elegantem Schwung kam Fred geflattert.
Die Raben schauten überrascht, verdattert.
„Was will der hier“ so fragt man sich beklommen,
„an dem Gespräch hat er nicht teilgenommen!“
„Nun folget mir“ sagt dieser. „Es ist spät.
Und überhaupt: ihr habt ja laut genug gekräht.

Drum frisch gewagt, ich werde euch begleiten,
denn auf uns warten wunderbare Zeiten!“
Man hatte schnell den Schrecken überwunden,
und flatterte gemeinsam ein paar Stunden;
man konnte unbesorgt Gewißheit haben:
„Berlin, wir komm‘! Wir sind die sieben Raben!“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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