Zeit für Märchen/ Na, das war eine Überraschung

(Dornröschen)

Ein Mädchen ward dem Paar geboren,
blauäugig, blond, mit zarten Ohren
und einem Näschen, winzig klein.
S’ wird mal ne schöne Jungfrau sein.

Die Eltern (König’s) gaben nun dem Kinde
den ausgesuchten Namen Rosalinde.
Und um zu feiern dies mit einem Feste
lud man zur Taufe eine Menge Gäste;

die hochwohlgeborene Bekanntschaft
und dazu die bucklige Verwandtschaft.
Unter dieser gab es eine Menge Tanten,
die sich nie gesehen und nicht kannten.

Gelinde ausgedrückt war’n diese Damen,
die sämtlich ohne männliche Begleitung kamen,
eher, wie man so sagt, paar späte Mädchen,
wie man so sagt, mit nem defekten Rädchen.

Die brachten etwas mit und wünschten Alles Gute.
Rosalinde zog dazu jedoch nur eine Schnute.
Was soll so’n kleines Kind auch machen.
Es kann doch nicht bei jeder Tante lachen.

Man ging zu Tisch und wollte gerade essen,
die rauscht Chlothilde rein, die man vergessen.
Des Schwiegervaters erste, jedoch verstoßene Frau.
(Der nahm es mit den Ehefrauen nicht genau).

Sie wär’ für’s Kind die Oma gern gewesen.
Drum macht sie auch kein langes Federlesen.
Sie war erzürnt und sprühte Gift und Galle.
Erschwerend kam hinzu in diesem Falle:

sie fügte auch Verwünschungen hinzu
und brachte die Gesellschaft um die Ruh’.
Der Haushofmeister setzte sie gleich vor die Tür
und sprach: Was kann das Kindchen denn dafür!

„Wartet es ab, das kann ich euch versprechen:
Rosalinde wird sich in den Finger stechen!
Dann isse hin! Und das ist meine Rache!
Halt du dich raus – das ist Familiensache!

Die Stimmung war im Eimer. Ist ja klar,
und so verschwand recht bald die Gästeschar.
Da saß man anschließend noch ganz alleine,
doch sehr entspannt bei einem Gläschen Weine.

Die Eltern traut beisammen mit dem Kinde.
Im Körbchen schlummert selig Rosalinde.
Da kommt doch spät am Abend noch ein Gast,
der beim Umsteigen den Eilzug hat verpaßt!

Eine reizende, hochwohlgeborne Dame,
Kreszenzia ist ihr wirklich schöner Name.
Die hört nun von den traurigen Geschichten,
die die Kindeseltern ihr sogleich berichten.

„Das kriegen wir schon hin. nur keine Bange.
Das wird sie bitter büßen, diese gift’ge Schlange“
Der Abend endete nun ganz gemütlich.
Rosalinde schlummerte derweilen friedlich.

Nun gingen viele Jahre noch ins Land,
ein fremder Prinz bewarb sich um die zarte Hand
der schönen Rosalinde, die kaum vierzehn Jahr
und eine wunderschöne Jungfrau war.

Die Eltern waren ständig voller Sorgen
und erwarteten mit Angst den neuen Morgen.
Wie konnte man nur diesen Zauber brechen –
Rosalinde sollte sich ja irgendwann mal stechen…

„Heut ist mein großer Tag“ dacht sich Chlothilde,
„die haben’s längst vergessen, sind im Bilde
wahrscheinlich nicht, sorglos und dumm
und glauben nicht, daß ich heut kumm!“

Im alten Park trifft sie bei leichtem Winde
am Ententeiche auf die junge Rosalinde.
„Ha!“ frohlockt ihr böser Sinn. ihr Hass,
„nun hab’ ich dich! Das wird ein Spaß!“

„Schaut nur, mein edles Fräulein, was ich habe!
Dies ist ja ein Geschenk für Euch. Ist meine Gabe
zu Eurem Wiegenfeste. Wirklich eine Kuriosität“
„Wie schön“ sagt Rosalinde, „zeigt mal, wie es geht.

Ich bin so dumm in diesen Dingen. Zeigt es mir.“
„Ganz einfach. Das macht Ihr nämlich so. Na hier
piekt ihr ein bißchen rein, seht Ihr, das ist ganz leicht!“
Worauf der letzte Atem ihr sofort entweicht.

Weil selbst auch eine Fürstentochter lernen muß,
war Rosalinde ja nun keine dumme Nuß.
Der junge Prinz begriff auch gleich: die hat das Sagen.
Ich werde sie mal lieber noch nicht fragen

ob sie die Meine werden will. Die ist zu klug.
Schöne Frauen (bißchen doof) gibt’s doch genug.

Jaja, so ist es, manchmal trügt der Schein.
Und: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

(LEWI 30.4.10 )

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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