Die Qual der Wahl – die Wahl der Qual

Heute morgen scheint die Sonne. Es wird heiß.
Das ist günstig – denn dann kleide ich mich nur in Weiß.
Aber ach, am Himmel sieht man kleine Wolken zieh’n;
besser ist’s vielleicht, ich trage deshalb lieber Grün.
Ein leichter Wind kommt auf – man weiß ja nicht genau…
da ist es ratsam wohl, ich trage vorsichtshalber Blau.

So ganz ist mir nicht klar, wie’s heute werden wird.
Das Wetter meine ich. Vielleicht ein buntes Shirt,
dazu ne Hose. Oder lieber einen Rock? Eng oder weit?
Ich muß mich schnell entscheiden, ich hab nicht so viel Zeit!
Durch die Blätter rauscht auf einmal starker Wind.
Ich muß mal sehen, ob ich eine leichte Jacke find’.

Hab’ sie gefunden, doch zu blau? nee, sieht nich aus…
Gefällt mir überhaupt nicht, zieh’ ich wieder aus.
Ich hätt’ für alle Fälle ja noch das Kleid, das gelbe.
Doch mit dem hat man nur Ärger. Stets dasselbe –
da wollen ständig Käfer und auch Fliegen darauf landen,
als ob sie nicht woanders einen Flugplatz fanden.

Ich sehe hier im Schrank ja noch das neue Violette,
was ich schon immer gerne angezogen hätte.
Ob ich es wage? Heut, bei dem gemischten Wetter?
Ich kombiniere es mit weiß, dann wirkt es sicher netter.
Na, ganz egal! Ob das nun gut ist? Ich weiß nicht! Bloß –
ich muß jetzt rennen – nun muß ich aber wirklich los…

Das ist der – Tag der Wahl – so muß man’s nennen;
es ist schon fast zu spät, da muß ich aber rennen.
Es ist notwendig und auch eine erste Bürgerpflicht,
man darf es nicht versäumen. Nein, so was tut man nicht.
Man wählt gewissenhaft – denn das ist furchtbar wichtig.
Sonst regieren sie uns eben wieder nicht so richtig.

Nun ist das ja kein Lottoschein (oder etwa doch)?
Wo macht man hier die Kreuze hin? Da zögert man ja noch.
Zur Wahl steh’n Rot und Gelb und Schwarz und Grün.
Unschlüssig und bedenklich sieht man mehrmals hin.
Ein Blick auf’s Wetter, wie es wird, kann nicht viel nützen.
Man weiß nicht, was man tun soll – kommt ins Schwitzen.

Egal. Man überlegt, ein Kreuz macht man ja doch –
was daraus wird sieht man demnächst schon noch
vielleicht mit Freude oder Zorn. Vielleicht Entsetzen,
wenn die ‚Regierenden’ die Messer wieder wetzen.
Wenn sie sich gegenseitig dann brutal zerfleischen,
um für sich (und auch für uns) das Beste zu erreichen.

Man hat’s nicht leicht. Das muß man sagen.
Womit muß man sich ständig plagen!
Es ist durchaus nicht zu vermeiden –
andauernd muß man sich entscheiden.
Meist ist es falsch, wofür man sich entscheidet.
Ob man Entscheidungen total vermeidet?

Nein nein – man muß schon die Entscheidung wagen.
Da hilft kein Jammern und da hilft kein Klagen.
Und wenn es sich zum Schlechten hat gewandelt,

dann haste eben M I T Z I T R O N’ N J E H A N D E L T !

LEWI

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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