Ein grünes Blatt

In einem Park, dicht neben einer alten Bank,
da stand ein Baum, der war schon alt und krank,
und seine Äste reckten sich wie hilflos, matt.
An einem kranken Zweig hing noch ein grünes Blatt.

Der Wind mitunter durch die Zweige strich,
das grüne Blatt, fast tänzerisch, bewegte sich
im Rhythmus dieses Luftzugs, schwebte
und genoß es sehr, daß es noch lebte.

An manchen Tagen hörte es nicht auf zu regnen,
man konnte niemandem im ganzen Park begegnen.
Das Blatt klammerte sich fest, wenn es gewitterte,
es war durchnäßt, ihm war auch kalt, es zitterte.

An heißen Tagen war die größte Sorge auch von allen,
vor lauter Trockenheit hilflos vom Ast zu fallen.
Jedoch das Blatt hielt durch. Es trotzte den Gewalten,
und konnte sich erfolgreich lange halten.

Dann kam der Herbst. Die Bäume verloren all ihr Laub
und legten große bunte Teppiche nun in den Staub,
Das grüne Blatt blieb grün, es konnte nicht mit Farben sprühen,
die malerisch im Sonnenschein so schön und herrlich glühen.

Die Äste waren kahl, längst alle Blätter abgefallen.
Dem alten Baum mit seinem kranken Ast von allen
blieb ganz allein der Vorzug, zu behalten dieses eine Blatt,
daß sich so tapfer und so mutig an ihm festgeklammert hat.

Der Winter kam. Er brachte Kälte, Eis und Schnee in Fülle,
bedeckte Rasen, Bäume, Sträucher mit der weißen Hülle,
und auch das grüne Blatt. Die Kristalle woben einen Schleier
so filigran und zart, wie für die Braut zur Hochzeitsfeier.

Der Winter ging, das Frühjahr machte langsam sich bereit,
doch tapfer durchgehalten hat das grüne Blatt die ganze Zeit.
Der alte morsche Ast hat nicht sein letztes Blatt verloren,
das tapfre grüne Blatt, es ist am Baum erfroren.

Berlin, den 14,11,2009/LEWI

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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