Da kommt doch wieder alles durcheinander

DA KOMMT DOCH WIEDER ALLES DURCHEINANDER

Die Sonne ist nun aufgegangen, die Vögel sind schon wach.
Sie zwitschern alle durcheinander und machen Höllenkrach.
Es riecht nach Frühling. Ein lauer Wind streicht durch die Blätter
und wolkenlos ist fast der Himmel. Heut wird schön das Wetter.
Da sagt zu sich erfreut der rüst’ge Rentner Heinrich Bugenhagen:
Heut kann ich mich nun endlich wieder mal aufs Wasser wagen.
Ich nehm’ das Angelzeug, den Kahn, und rudere weit hinaus.
Vielleicht komm’ ich am Abend mit nem dicken Fisch nachhaus.
Vielleicht aber auch nicht, das werden wir ja sehen, gelle?
Die Fische sind nicht jedes Jahr auch an der gleichen Stelle.
Und mit Proviant, mit heißem Kaffee in der Kanne und mit Bier
fährt er hinaus nun auf den See. Auf keinen Fall jedoch nach Vier
will er das Festland ohne einen großen Fisch erneut betreten.
Na, ob das klappen wird – er fängt schon jetzt mal an zu beten.

Ein schöner Morgen. Schon wach die Enten und die Schwäne.
Am Ufer dümpeln leise vor sich hin die Boote und die Kähne.
Der Heinrich sitzt in seinem Kahn, noch müde. Stöhnt:
ich bin das frühe Aufstehen wirklich gar nicht mehr gewöhnt.
Der See ist ruhig, da mache ich mal ne Weile meine Augen zu.
Das ist bestimmt erholsam, noch so ein Viertelstündchen Ruh.
Nun döst er vor sich hin, die Wellen schaukeln sanft den Kahn.
Er ist nun etwas eingeschlummert und fängt zu träumen an.
Die Lorelei sitzt auf dem Bootssteg, kämmt die langen Locken,
sie singt ein Liedchen hin vor sich; Heinrich ist von den Socken.
Für ihn hat diese schöne Melodei die Dame doch gesungen.
Wie Zauberklänge hat in seinen Ohren es noch nachgeklungen.
Die Lider öffnet er voll Seligkeit für einen kurzen Augenblick;
jedoch zuckt er, total entsetzt, darauf sofort nun auch zurück.

Auf dem Bootsteg steht die Nixe, wiegt in etwa achtzig Kilo.
Es ist keine zarte Elfe, auch die Venus nicht von Milo.
Sie brüllt: paß auf du Knacker und verschwinde auf der Stelle.
Hier ist mit behördlicher Erlaubnis eine Hundebadestelle.
Nun rudert ganz ernüchtert Rentner Heinerich hinweg.
Das ist noch mal gut gegangen. Dieser unverhoffte Schreck!
Es ist ja Vormittag. Noch lange ist es hin bis gegen Vier.
Da trinkt er erst mal etwas von dem mitgebrachten Bier.
In weitem Bogen wirft sodann er seine Angel aus,
sonst kommt tatsächlich er noch ohne Fisch nach Haus.
Entspannt lehnt er sich nun erst mal erneut zurück
und denkt sich: mit dem Wetter ham’wa aba heute Glück.
Irgendwann wird so ein Racker sicher in den Haken beißen
und wird dann auch tüchtig an der Angelrute reißen.

ch werde wachsam sein, ich gebe nunmehr darauf Acht.
Das Bier macht müde. Augen zu – und dann: gut’ Nacht!
So schaukelt er nun übern See, Heinrich im Ruhestand.
Bis seine Kahnpartie zunächst erst mal ein jähes Ende fand.
Zutiefst verschreckt ist er im dichten Schilf gelandet.
Der ganze Uferstreifen ist auch noch total versandet.
Die Wasservögel nisten, brüten ganz geduldig ihre Eier aus.
Aus dem Gewirr von Pflanzen schaut ein Wassergeist heraus.
Es ist nur eine dicke Wurzel, behängt mit Algen und mit Schlick.
Kein Geist – na Gott sei Dank! Wir haben ja noch Glück.
Vorrätig ist noch immer eine ganze Menge Bier.
Das reicht! Ist noch ne Weile hin bis gegen Vier.
Erst mal paar kräftige Züge aus der gut gekühlten Pulle
und dazu mit Schinken dick belegt ne schöne Butterstulle.

Das kräftigt und das stählt, das macht ihn aber müde wieder,
und auf der Stelle fallen im zu die schweren Augenlider.
Nun tanzen ihm die Schwäne ein Ballett. Der Schwanensee
gibt sein Geheimnis preis. Und dichte bei, in seiner Näh’
schweben die weißen Gestalten dahin, federleicht, graziös.
Selbst im Halbschlaf wird Heinrich nun etwas nervös.
Die Musik kommt mit den Tanzenden nicht richtig mit.
Die zarten Gestalten kommen ständig aus dem Tritt.
Und wieder weckt den Heinrich etwas aus dem Schlummer:
Auf dem Wasser schwimmt Papier. Zu seinem großen Kummer
sind das keine weißen Schwäne sondern einfach Dreck.
Die Leute schmeißen wirklich immer achtlos alles weg.
Ein Dampfer tutet ziemlich laut, fährt eben übern Teich.
Das ist keine Ballettmusik, das wußte er ja gleich.

Bevor es Vier, ein Fisch tat nach dem Haken schnappen.
Das war einfach nur ein Häppchen, nicht einmal ein Happen.
Als er nachhause kam, sprach seine Frau, die Rentnerin:
wenn du nur immer träumst, dann fällst du noch mal rin
ins Wasser. Wenn keiner in der Nähe ist um dich zu retten,
dann bin ich plötzlich Witwe. Woll’n wir wetten?
Wir sind inzwischen doch auch schon ganz schön bejahrt,
da machen lieber wir zusammen mal ne Dampferfahrt.
Ich trinke Kaffe und du trinkst an Bord dein Bier,
und um Viere sind wir beide wieder hier.
Da mußte Heinrich stillvergnügt ein bißchen lachen.
„Ja ja, hast recht – so kann man es auch machen…“
So machten beide endlich nun nach altbewährter Art
mit dem alten Dampfer über‘n See ´ne Kaffeefahrt.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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