Wenn es langsam dunkel wird ,,,,

den Kindern nette alte Geschichten erzählen
äber Menscnen, die einmal bei uns lebten.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand,
und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn‘s Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: „Junge, wiste ne beer?“
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,
komm man röwer. ick hebb ne Birn.“

So ging es viel Jahre, bis lobesam
der von Ribbeck zu Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende, `s war Herbsteszeit,
wieder lachten die Birnen weit und breit;
da sagte von Ribbeck; „Ich scheide nun ab,
legt mir eine Birne mit ins Grab!“
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
trugen von Ribbeck sie hinaus.
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
sangen „Jesus meine Zuversicht!“
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
„He is dot nu. Wer givt uns nu ne Beer?“

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht!
Der neue freilich, der knausert und spar,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
und voll Mißtraun gegen den eigen,
der wußte genau, was damals er tat,
als um eine Birne ins Grab er bat;
und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
ein Birnbaumsproßling sproßt‘ heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
längt wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
in der goldenen Herbsteszeit
leuchtet‘s wieder weit und breit,
und kommt ein Jung übern Kirchhof her,
so flüstert‘s im Baume “Wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert‘s: „Lütt Dirn,
komm man röver, ick gew di ne Birn!“

So spendet Segen noch immer die Hand
des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Theodor Fontane)

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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