Das ist ja auch wieder sehr undurchsichtig

Ein Dampfer tuckert ganz gemächlich auf dem Nil.
Er macht nur eine Rundfahrt, er hat kein festes Ziel.
Die Sonne steht schon tief, nun wird es etwas kühl.
Vorhin, da stand sie höher, da war es aber schwül.

An der Reling steht der Fremde, blickt ins Wasser,
Ein Schwimmer ist er nicht, er ist ein Wasser-Hasser.
Meine Güte, denkt er sich beklommen, hier im Nile
schwimmen ganz bestimmt ne Menge Krokodile.

Wenn uns Piraten überfallen oder finstere Gesellen,
wenn sie grob uns an die Reling stell’n und bellen:
„Los! Hinab mit euch, ihr dämlichen Touristen!“
Ich kann ja gar nicht schwimmen! Wenn die wüßten!

Derzeit waren finstere Gesellen aber nicht zu sehen,
da blieb er erst mal ruhig an der Reling stehen.
Bei sich denkt er: wie es so üblich ist auf Erden,
was nicht ist, das kann ja auch noch werden!

Zu ihm gesellte sich inzwischen eine ältre Dame.
Wie hieß sie nur? Entfallen ist ihm längst ihr Name.
Sie machte sich Gedanken. Eine Menge Krokodile
bevölkern ja die Ufer beiderseitig längs dem Nile.

„Wirft man uns vielleicht ins Wasser“ sagt sie, „ach,
das halte ich nicht aus. Ich werde sicher schwach!
Diese Biester, schrecklich, werden uns zermalmen!“
„Dann werd’ ich meine letzte Zigarette qualmen!“

Der Dampfer hat jetzt angelegt, man geht an Land.
Der Fremde reicht der Dame hilfreich seine Hand.
Weiter weg im Sande wälzen sich die Krokodile,
sperren ihre Rachen auf. Natürlich mit dem Ziele,

zum Nachtmahl etwas Ordentliches zu verschlingen.
Wird der Dampfer ihnen reichlich Nahrung bringen?
So ist es! Man will es ja beinahe gar nicht glauben.
Das kann einem nun die Seelenruhe wirklich rauben!

Der Fremde nimmt die ältre Dame bei der Hand,
und ängstlich und ergeben schleichen sie an Land.
Die Lampen vom Hotel kann man schon sehen,
bis dahin muß man aber leider auch noch gehen.

Erschöpft sind die Touristen wieder angekommen.
Es hatte ja ein gutes Ende noch genommen.
Die Krokodile hatten die Mahlzeit schon gewittert,
denn um diese Zeit wurden sie stets gefüttert.

Mit den Krokodilen hat inzwischen man Erbarmen.
Sie leben wohl behütet nun in großen Farmen.
Es lagen nämlich längst nicht mehr so viele
im Wasser und am Strand vom grünen Nile.

Man jagte sie, und damit ist jetzt erst mal Schluß.
Weil sich die Natur, wie üblich, erst erholen muß.
Im warmen Sand, das ist für sie ein Segen,
können sie nun sorglos ihre vielen Eier legen.

Unglaublich: „so etwa dreißig, bis an hundert Stück.
Sie legen ja nicht nur ein Ei. Na, was für’n Glück!“
Den ausgestandenen Schrecken erst mal zu vergessen,
muß man was Kühles trinken und was Gutes essen.

„Das ist doch komisch“ sagt die ältre Dame dann,
„ein Krokodil, das etwa hundert Eier legen kann.
Das Krokodil ist ja kein Vogel, kann nicht fliegen,
auf seiner Haut kann es auch keine Federn kriegen!“

„Die letzten Zeugen aus der Urzeit. Archosaurier.
Das sind nun mal die Vögel und die Krokodile.“
„Du lieber Gott, das wird ja immer trauriger.
Dann gibt es ja bald auch nicht mehr so viele…“..

Endlich kommt der Ober, wird der Tisch gedeckt.
Frische Früchte, guter Wein, das Essen schmeckt..!
In der Ferne plätschern leise die Wellen vom Nil.
Man speist gelöst – Gebratenes vom Krokodil.

Ach, das hätt’ ich ganz vergessen:
schließlich muß ja jeder essen!

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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