Ach, die gute alte Zeit

Ach, die gute alte Zeit ist für immer wohl vorbei.
Beschaulichkeit, das ist ein Fremdwort nun geworden.
Die großen Städte platzen sämtlich aus den Nähten,
egal ob Osten, Westen, Süden oder Norden.

Eilig hatte man es früher auch. Eile, aber keine Hast.
Und gern genoß man seinen Abend dann gemütlich.
Am warmen Kachelofen sitzen, träumen, lesen, reden.
Und draußen war die Welt ganz still und friedlich.

Verzaubert die Idylle. Jedoch erscheint sie nur so traut.
In vielen kalten, ungeheizten Zimmern, Hunger leidend,
verzagt und frierend, arm und krank und hoffnungslos
sind viel zu viele. Und jeglichen Kontakt vermeidend

mit diesen Menschen, die in der Romantik hausen,
die täglich kämpfen müssen um zu überleben,
gab es genauso auch die vielen Wohlstandsbürger,
die Mitleid heucheln aber ungern etwas geben.

Vielleicht ist heute nicht mehr alles so romantisch.
und schneller auch bewegt man sich von A nach B,
aber niemand muß in unseren Zeiten wirklich frieren,
man kocht mit Gas und macht sich heißen Tee.

Verzweiflung hauste dort in vielen kleinen Stuben,
die Hoffnungslosigkeit war fast nicht zu besiegen.
Was nützt die Poesie, was nützt auch die Romantik.
Ohne Geld sind Brot und Kohlen nicht zu kriegen.

Die gute alte Zeit ist oft in der Verklärung gut.
Doch gut ist sie wahrscheinlich nie gewesen.
Sie war nur anders, und so weit bereits entfernt,
nicht selbst erlebt, nur noch davon gelesen.

Romantik ist sehr schön und sie umhüllt, verklärt.
Doch ist man Realist, darf einfach nicht vergessen:
wichtig ist ein warmer Mantel und ein geheiztes Zimmer.
Und vor allen Dingen, immer ausreichend zu essen,

Es gibt mitunter eine Folge vieler schöner Jahre,
und danach kommen eine Menge ziemlich miese.
Wie man es nennt: halt von der Wiege bis zur Bahre.
Alles hat so seine Zeit. Und unsere Zeit ist nun mal diese.

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen
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4 Antworten zu Ach, die gute alte Zeit

  1. alphachamber schreibt:

    Guten Morgen und vielen Dank für Ihre Antwort. Habe sie meiner Mutter vorgelesen.
    Ihre Mutter war Dienstmädchen in Bochum. Durch die Sparsamkeit der Eltern mütterlicherseits (meine Oma und Opa) und harte Arbeit meiner Mutter gelangten wir in den Mittelstand.
    Ihre Jugend hat meine Mutter (mit den Höhen und Tiefen) recht gut aufgezeichnet, besonders als junge Stabshelferin und in der Nachkriegszeit, die für uns verdammt hart war. Ihr Glück bezog sie aus Liebe in der Familie und den kleinen Dingen (gemeinsamer Urlaub, Erfolg im Beruf, Karriere der Kinder usw) und durch die zwischenmenschlichen Beziehungen, mit Nachbarn, Freunden und bei der Arbeit (Amtsgericht Frankfurt). Diese Erinnerungen sind geprägt, wie gesagt von Anstand, Respekt, Verantwortlichkeit und Zuverlässigkeit.
    Klassenunterschiede, wie Sie schrieben, mit Verlaub, sind zeitlos und dem armen Schlucker ging es damals schlecht – und es geht ihm heute schlecht, mit dem Unterschied, dass Anstand und Menschlichkeit heute allen Klassen abgeht. Das war ihr Punkt.
    HG

  2. alphachamber schreibt:

    (Nach dem „mehr“ sollte kein Komma stehen)

  3. alphachamber schreibt:

    Sehr aufrichtig, objektiv und wahr, was das Materielle betrifft. Trotzdem – so urteilt meine Mutter – gab es mehr, Sicherheit, Aufrichtigkeit, Zusammenhalt und Kompetenz. Muss das eine das andere auszuschließen? Es scheint so.
    HG

    • hildegardlewi schreibt:

      Liebe Freundin, alles stimmt ja – nur das Zeitalter nicht.
      Oft besuchen wir voller Entzücken alte Städte mit alten Gebäuden und alter Architektur und stellen uns vor, wie gemütlich und romantisch es für die Bürger war. Aber leider – ich kenne Berlin seit ich laufen und sprechen kann und ich kenne noch immer die
      inzwischen sanierten Gebäude an
      der Friedrichsgracht, Paris mit den sachstöckigen Häusern, wo in den Dach- (von Wojnungen kann keine Rede sein) die Steinschleifer und andere Dienstleut hausten. London nicht zu vergessen, und die Hinterhöfe in der Innenstadt – Wedding z. B., sechs Höfe und die Ärmsten der Armen mit Kinderreichtun. Auch das Elend in den jüdischen Vierteln und der Altstadt. Ich habe sie zu Fuß, noch längst vor meiner Schulzeit, zusammen mit meinem Vater beucht und gesehen und gelernt und ein ganz besonderes Verhältnis zur Menschheit erfahren.
      Es ist nicht das ZEITALTER Romantik, sondern die verblendete Vorstellung von Romantik- (Z.B., unter einer Brücke zu kampieren.) LG, Hildegard

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