Hast du gesehen? (Die beiden Wölfe)

„Hastdu geseh’n? Rotkäppchen will zur Oma geh’n!“
„Das nette Kind. Die Oma wird sich freuen.
Eines Tages wird sie es noch bereuen,
täglich ein paar Flaschen Wein zu trinken!“

„Woll’n wir Rotkäppchen mal winken?“
Gesagt, gewinkt, und Rotkäppchen bleibt stehen.
„Hallo ihr zwei, ich wollte grad’ zur Oma gehen.
Die wartet auf den Stoff, das wißt’ er,
ihr zwei zerruppten Wolfsgeschwister.“

„Ach, liebes Mädchen, schau mal in dein Körbchen rein.
Könnt’ nicht was Gutes auch für uns darinnen sein?“
„Ich schau mal nach, sonst gebt ihr mir doch keine Ruh.
Nehmt einen Schluck und macht die Flasche wieder zu.

Und laßt dann bitte noch was übrig vom Steinhäger,
danach ist nämlich ganz verrückt Johann, der Jäger.“
„Das ist ja toll! Nen tücht’gen Schluck jetzt aus der Pulle.
Hätt’st du vielleicht auch noch ne Schwarzbrotstulle?“

„Zwei dunkle Brötchen sind noch drin im Körbchen, bitte.
Dann aber weg mit euch, haut ab jetzt durch die Mitte.
Ich muß mich auch beeilen, muß noch Blumen pflücken
für Oma. Die kann sich leider nicht mehr so gut bücken.“

„Ach Rotkäppchen, wir danken dir, du bist zu uns so gut.
Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie gut es einem tut,
wenn jemand da ist, von dem man ständig wird verwöhnt.
Ganz besonders, wenn man noch herzzerreißend stöhnt…!

„Ihr ruppigen Gesellen, was soll denn nun der Übermut?
Das kann man ja schnell ändern. Es wäre nicht so gut,
wenn nächstes Mal nun käme vielleicht Johann der Jäger!
Wir hätten dann im Winter auch zwei neue Bettvorleger!“

Rotkäppchen ist hinter dichten Tannen nun verschwunden.
Die beiden Wölfe drehen nachdenklich noch ein paar Runden.
„Wenn wir sie fressen, werden wir vielleicht nur einmal satt.
Besser ist ja , sie versorgt uns, solange sie die Oma hat.

Sie geht bestimmt noch eine Weile diese Route,
und das ist jedenfalls für unsereins das Gute.“
„Ach ja, dann leben wir noch eine Weile im Schlaraffenland.
Besser als der Sperling auf dem Dach ist die Taube in der Hand!“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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