Märchenhaft

Frau Holle)

Davon kann ja so mancher einiges berichten.
Ich hab davon gehört und werd‘ darüber dichten.

In einer kleinen Stadt, in einem kleinen Haus,
Da schaut die Armut schon zum Fenster raus.
Die Witwe Becker hat zwei Töchter, Zwillingsschwestern.
Ganz hübsche Mädchen, doch die Leute lästern,
weil sie sich wirklich zum verwechseln ähnlich sind.
Jedoch ist es ein schwarzes und ein blondgelocktes Kind.
Die Natur treibt ja mitunter Possen, nicht zu fassen.
Na, woll‘n wir es erst mal dabei bewenden lassen.

Die Mutter arm, die Mädchen jung, kein Geld im Haus.
So zieht‘s die kleine Dunkle nun weit in die Welt hinaus.
Die Welt war nicht so groß – drei Dörfer weiter südlich,
in einem kleinen Urlaubsort, der wirklich sehr gemütlich,
von Wald und Wiesen dicht umgeben, fand sie eine Stelle.
Im Gasthaus „Zur Kastanie“ bei der Frau Katrin Helle.
Es war Saison, sie mußte ganz schön ran, die Kleine.
Am Abend tat der Kopf ihr weh und meistens auch die Beine.

Totmüde sank am späten Abend sie dann in die Kissen.
Der Mensch wird ab und zu doch auch mal schlafen müssen.
Es gab sehr viel zu tun und hin und wieder eben schon
mal etwas Trinkgeld von den Gästen. Keinen Pfennig Lohn
wollte die Frau Helle zahlen, dieser geizige Drachen.
Das Mädchen mußt‘ servieren, fegen, Betten machen
und im Garten helfen. Kaum war etwas Ruhe ihm gegönnt.
Ein paar mal hätte es am frühen Morgen fast verpennt.

Die Wirtin war der Ansicht, Jugend muß sich erst bewähren.
„Mein Kind, ich muß dich ja beherbergen und auch ernähren.
Du hast es gut bei mir. Ja, hier die gute Luft schon ganz alleine!
Das ist gesund. Nun lauf mal schön, du hast noch junge Beine.“
Das Mädchen sah es ein. Frau Helle hatte wirklich recht.
Sie hatte sehr viel Arbeit, jedoch, es ging ihr ja nicht schlecht.
Und als im schönen Urlaubsort nun die Saison zu Ende,
da gaben sich das Mädchen und Frau Helle auch die Hände.

„Hab‘ Dank für deine Hilfe, zufrieden war ich stets mit dir.
Hier hast du eine Tüte aus wirklich festem Packpapier.
Ein paar belegte Brote und eine Flasche Selters für den Durst.
Die wirst du sicher brauchen, etwas zu salzig ist die Wurst.
Das ist für unterwegs. Gehab dich wohl. Komm gut nachhause.
Das Mädchen hatte Heimweh und lief fast ohne Pause
den weiten Weg, um vom gesparten Trinkgeld nichts zu nehmen.
Die Mutter wartet auf ein bißchen Geld. „Ich muß mich schämen.

Ich habe ja nicht viel verdient in all den Wochen Ich war fleißig,
ich war ordentlich und sauber, zuverlässig, ja das weiß ich.
Nichts kann ich euch geben, liebe Mutter, liebe Schwester!“,
„Mach dir nichts draus. Jetzt feiern wir erst mal Sylvester.
Sei wieder fröhlich, schlage dir das alles aus dem Sinn.
Im nächsten Jahr, da schicken wir dann unser Blondchen hin!“
Bei Saisonbetrieb braucht man bei dieser Art Geschäfte
auf jeden fall auch wieder ein paar arbeitswillige Kräfte.“

In Frühling roch die Erde kraftvoll und die Natur erwachte.
Der Himmel war meist blau, die Luft war lau. die Sonne lachte.
Im Gasthaus „Zur Kastanie“ tat man sich schon beizeiten
auf den großen Andrang der vielen Gäste vorbereiten.
Da erschien es der Frau Helle wie ein Wunder. Augenblicklich
stellt sie das Blondchen ein und ist besonders glücklich,
daß man auch in diesem Jahr ,man fast umsonst hat eine Kraft,
die den größten Teil der ganzen Knochenarbeit schafft.

Sie war sehr fleißig und sehr freundlich, und man mochte sie.
Sie war hilfsbereit und höflich, und eine kleine Melodie,
summte sang und pfiff sie meistens vor sich hin.
Es lag viel Heiterkeit und auch viel Frohsinn stets darin.
Das Trinkgeld war sehr oft recht reichlich dann bemessen.
Die Gäste waren gut gelaunt nach einem schönen Essen.
Doch irgendwann ging wieder die Saison zu Ende.
Frau Helle war verzweifelt und rang eindrucksvoll die Hände.

„Main Kind, wie stellst du dir das vor. Der Winter ist ja lang.
Wovon soll ich dann leben! MIr wird jetzt schon angst und bang.
Du kannst mir wirklich glauben, ich leide Höllenqualen.
Ich kann beim besten Willen dir kein Geld bezahlen.
Es stählt auch ungemein für‘s Leben, glaub‘ es schon,
wenn mal auch ab und zu mal etwas tut für Gotteslohn!
Ich gebe dir ein Brot mit, eine Wurst und etwas Butter.
Darüber freut sich ganz bestimmt auch deine Mutter!“

„Ich danke sehr, Frau Helle, für die Worte und die guten Sachen
Mein Bus geht erst um Eins. Ich werde schnell die Betten machen.“
„Da tust du recht mein Kind. Ich wußte, du hast viel Verstand!“
Dann gab sie Blondchen nun zum Abschied auch noch ihre Hand.
Und Blondchens heitre Mine trübte nicht das kleinste Wässerchen.
In ihrer Schürzentasche trug sie ein kleines scharfes Messerchen.
Sie hatte in acht Gästezimmern sich die Betten vorgenommen,
und trotzdem pünktlich noch den Ein-Uhr-Bus bekommen.

Frau Helle trat am frühen Nachmittag zur Gartentür hinaus,
und sehr erstaunt rief sie, kopfschüttelnd, sinnend aus:
“Nanu nanu, ist es denn jetzt schon wieder an der Zeit?
Es ist doch erst Oktober und so kräftig hat‘s geschneit?
Der Schnee wird sicher nicht sehr lange liegen bleiben.
Die Sonne und ein Windstoß werden ihn wohl bald vertreiben!“
Dann setzte sie sich in das Gästezimmer und trank eine Molle.
Im Fernseh‘n war jetzt auch nichts los, Nur ein Film „FrauHolle.“

Ein Märchen für die Kleinen. Da wollte sie jetzt lieber Zeitung lesen,
und danach, wenn‘s geht, auch noch ein kleines bißchen dösen.
Beim Zeitunglesen schlief sie aber dann recht bald auch ein,
und dachhte noch befriedigt:

„Die blonde Mary wird auch bald zuhause sein.“

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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