Ducht am Ufer

Dicht am Ufer gibt es die „Piratendiele“.
Alles feste Bänke, feste Tische, feste Stühle.
Weil man sich hin und wieder ordentlich verhaut,
und den Gästen ab und zu auch mal was klaut.
Wenn es zu bunt wird, ruft der Wirt, der schwarze Peter,
nach Hektor, seinem Hund. Das ist ein Riesenköter.
Er murmelt leise: “Hektor, ran an die Bouletten!“
Hektor steht auf und knurrt. Da kann man wetten,
daß sich in Windeseile leert die ganze Örtlichkeit.
Und Ruhe gibt es wieder – für eine kurze Zeit.

Am Montagabend, neunzehn Uhr, im Hinterzimmer,
sieht man regelmäßig, denn sie kommen immer,
drei bessere Herren, dem Ehestand entfloh’n für kurze Zeit.
Sie essen erst mal gut und reichlich. Dann sind sie bereit,
um einen sehr gepflegten Skat zu spiel‘n. Dazu paar Biere.
Meistens sind es mehr, doch mindestens sind’s viere.
Am Montagabend wird die Freiheit voll genossen
und zwischendurch ein Schnäpschen eingegossen.
Sie wollten heute wieder ganz entspannt beisammen sein.
Doch auf der Stelle, hinterhältig, griff das Schicksal ein.

Es war ja Herbst. Es regnete, ein wilder Sturm kam auf.
Die „Piratendiele“ leerte sich. Und alsbald, im Dauerlauf,
versuchten die Gäste, schnellstens nachhause zu kommen.
Aber das hatte zumeist ein sehr nasses Ende genommen.
Die Spieler ließen sich davon nun aber nicht vertreiben.
Sie wollten Karten spielen und gern noch etwas bleiben.
Das war dem schwarzen Peter nun tatsächlich Schnuppe.
Er ging in die Küche und aß eine heiße Gullaschsuppe.
Gerade taucht er wieder den Löffel in die Suppe ein,
denkt er: hier stimmt was nicht! Was sollte das denn sein?

Finster ist’s! Das Licht ist plötzlich ausgegangen.
Der ganze Tag heut‘ hatte schon belämmert angefangen.
„Bei diesem Sturm fällt uns die Bude wohl noch auf den Kopf.
Aua. Ich verbrenne mir die Finger an dem Suppentopf.
Wo ist der Hund? Wo ist ne Kerze? Wo ist denn nun Feuer?
Ich kann nur sagen, das alles ist mir wirklich nicht geheuer.“
Im Gänsemarsch nun kommen die drei eifrigen Strategen
dem schwarzen Peter und dem großen Hund entgegen.
Man versammelt sich gemeinsam nun um einen runden Tisch.
Wie das nun weiter gehen wird, weiß man jedoch noch nich.

Der Regen prasselt unentwegt gegen die Scheiben,
man hofft, daß alle Ziegel auf dem Dache bleiben:
auch hört man hin und wieder große Äste brechen.
Will die Natur sich denn für irgend etwas rächen?
In großen Bächen rinnt das Regenwasser schneller
die Stufen runter und dann in den Heizungskeller.
Kein Licht, kein Telefon; der Hund fängt an zu jaulen.
Der schwarze Peter muß den Hektor etwas kraulen.
„Bei Fuß, mein Hektor – wir warten hier jetzt auf der Stelle
für eine Freifahrt geradewegs bis in die Hölle!“

Den Gästen wird es langsam ganz unheimlich.
Die Atmosphäre ist inzwischen auch schon peinlich.
„Wir hau’n jetzt ab, egal, raus in den kalten Regen.
Auf dieser Stätte hier liegt ganz bestimmt kein Segen.“
Der schwarze Peter grinst gemein und macht sich lustig.
„Ihr seid drei Feiglinge, das ist ja klar, das wußt’ ich!“
Sie haben sich nun jeder eine Tischdecke genommen,
(obwohl sie ohne diese Accessoires hierher gekommen)
dann sind sie, eingehüllt in diese, also bald entkommen.
(Etwas anderes haben sie jedoch nicht mitgenommen).

Völlig durchweicht, ja, naß bis auf die Knochen,
total erschöpft sind heimwärts sie sodann gekrochen.
Ein Schnupfen ließ sich deshalb nicht vermeiden.
Sie mußten wirklich ein paar Tage schrecklich leiden.
Und eines Tages, so etwa nach zwei Wochen,
hatten sie sich kurz entschlossen abgesprochen,
der „Piratendiele“ die –Leihgaben – zurückzubringen.
Man ist ja meistens ehrlich in so kleinen Dingen.
So machten sie sich also auf am Montagnachmittag.
Und als sie ankamen, traf sie beinah der Schlag.

Herabgebrannt war das Gebäude, Mauerreste
noch von den Räumen, wo vorher die Gäste
sich unterhielten, sich prügelten und tranken,
verkohlte Balken, die noch schrecklich stanken.
Man war fürwahr bestürzt, man spekulierte wild.
Im Kopfe formte sich sogleich manch grausig Bild.
Der Fantasie ließ man in diesem Falle freien Lauf;
was da passiert war, regte einen wirklich auf.
Mit Hektor an der Leine stand der schwarze Peter
ganz dicht vor ihnen, nicht einmal drei Meter.

„Hallo“ begrüßt er sie, er lachte und blieb stehen:
„wir haben uns ja eine Weile nicht gesehen—„
Und nunmehr konnten die entgeisterten Strategen
die Leihgaben geschwind noch auf die Mauer legen.
Sie rannten, um schnellstens Distanz zu gewinnen,
so weit wie möglich. Nur weg! von Hinnen!
Aber nach einem Jahr stand da ein neues Haus
am gleichen Platz. Es sah vertrauenerweckend aus.
Hell und freundlich, romantisch und sehr gediegen.
Nur auf Bestellung war ein freier Tisch zu kriegen.

Der schwarze Peter nannte es „ Zum Freibeuter“
Und die drei Freunde spielten freudig wieder woiter,
An jedem Montagabend zur gleichen Stunde
traf wieder sich, wie einst, die alte Herrenrunde.
Nach ein paar Bieren fragten die alten Knaben
manchmal: wollte die Hölle den Peter nicht haben?
Hatte sie Herr und Hund wieder ausgespuckt?
Er hat ja manchmal so komisch gekuckt…..
Der Peter hatte so seltsamen Humor…
das kam einem oftmals eigenartig vor…

„Hallo Peter, ließ Beelzebub dich einfach gehen?“
„Nein, nein, nicht einfach so. Ihr müßt verstehen,
er wollt’ Ersatz. Doch meinen Hektor? Niemals! Nein!
Besser bedient wär er auf jeden Fall doch mit euch Dreien!“
An diesem Abend hatte man nach ein paar Stunden
den schwarzen Peter und den großen Hund gefunden.
Und die drei Herren blieben nun für immer fort
von diesem seltsamen und unheimlichen Ort.

Man darf mit solchen unbekannten Sachen
einfach keine Scherze machen…..

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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2 Antworten zu Ducht am Ufer

    • hildegardlewi schreibt:

      Na das freut einen aber auch, wenn man sich mutig auch durch ein wildes Abenteuer nicht aus der Ruhe bringen lassen kann.

      Viele liebe Grüße,

      inzwischen alte Oma Hildegard (83)

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