Ein Zauberhafter Ort von vielen

„Lugano, Stadt am blauen See.
San Salvatore, Monte Brè, ……..
du bist‘s, das einstmals ich verließ,
ein wunderschönes Paradies…… (oder so ähnlich).

Dieses Lied ging mir im Kopf herum und vor meinem geistigen Auge entstand das Ölgemälde eines Künstlers, dessen Namen ich nicht kannte.“Gandria“ am Luganer See. Ich kam von Ponte Tresa her; bis dorthin hatten mich Berliner Gäste meines Feriendomizils freundlicherweise mitgenommen. Die hatten aber andere Pläne, denn
sie wollten Morcote einen Besuch abstatten. So war ich mir zu meiner inneren Freude wieder selbst überlassen. Ich bin nicht direkt ein Einzelgänger, aber ganz gewiß kein Gruppenmensch. So wie sich mir die Gelegenheit bietet, seile ich mich ab, um auf meine Art Eindrücke aufzunehmen. Ich bin kein großer Freund des „gemeinsamen Erlebens“. Nur in den seltensten Fällen gelingt es doch, dann wirklich das in sich aufzunehmen, was einen tatsächlich interessiert. Oder das, was die Fantasie beschäftigt. Man glaubt es ja nicht, aber ich kann tagelang schweigen! (Keine Angst! Ich hole alles nach.)

Na, jedenfalls hatte ich genügend Muße, in Lugano herumzustromern, die Geschäfte zu betrachten und die Auslagen der Juweliere anzusehen. Ein Glück, daß sich meine geheimen Wünsche nicht übermäßig nach den bearbeiteten Endprodukten kostbarer Juwelen und edle Metalle sehnten. Ich betrachtete die Schönheit der einzelnen Stücke und bewunderte die Arbeiten der verschiedenen Handwerker, die mit großer Kunst so herrliche Stücke geschaffen hatten.

Belustigt betrachtete ich die in der Luft trocknenden Würste in der Via Gabbani. Doch zog es mich schließlich ans Wasser. Zunächst war da aber ein nettes Café mit überwältigenden Verlockungen. Noch unentschlossen kämpfte ich einen Kampf, den ich meistens verlor. Ich konnte mir doch schlecht die Nase an der Schaufensterscheibe eindrücken,,,,! „Drück dir bloß nich deine Himmelfahrtsneese platt, du verfressenes Ding“ wisperte es hinter mir. Na, das ist ja die Höhe! War ich damit gemeint? Ich richtete mich gerade auf, nahm Haltung an und wendete mich ganz langsam um. Da stand Eggi, mit vollem Namen Eginhard, der eine zeitlang in der gleichen Firma wie ich beschäftigt war. Mit fiel die Kinnlade herunter. „Eggi!!! Wo kommst du denn her!!!“ „Vom Himmel hoch, da komm ich her….! Oder etwa nicht?“ „Wie meinst du das denn?“ „Na, errette ich dich nicht? Hier wirst du nicht reingehen. Komm, laß uns an den See fahren, und dann sage ich dir, wo ich herkomme und du erzählst mir, warum du hier bist.“ Na, das kann ja heiter werden, „Bist du denn alleine?“ frage ich. „Sieht man das?“ Er hatte wieder dieses überhebliche Grinsen drauf. So wie ich ihn schon immer kannte. Auch einer, der das Pulver erfunden hat, dachte ich. Aber er war immer ein guter Kollege und auch ein guter Kumpel gewesen.

„Und weshalb bist du nun wirklich hier“ bohrte ich weiter. „Ich habe meine Mutter zu ihren Bekannten gefahren. In den ganzen Jahren fuhr sie immer alleine, aber jetzt klappt das nicht mehr so. „ Ich bin ein guter Sohn, weißt du“ sagte er und sah mich schräg von unten an. „Ja, bin ich. Und außerdem dachte ich, guck dir mal die Gegend an. Rund herum alles Gegend, und dann du!“ „Na so ein Reinfall. Du hättest doch auch weitergehen können. Ich hatte dich ja nicht mal gesehen.“ „Und wo hast du deine Mamma nun abgesetzt“ fragte ich. „An der Tankstelle“ antwortete er mir. „Was?“ Kaum konnte ich meine Empörung verbergen. „Und an welcher?“ „An der, wo die meisten Autos vorbeifahren.“ Und grinst wieder dieses besserwisserische hochnäsige impertinente Grinsen. „Du Unmensch“ sage ich. „Du kannst doch nicht einfach….“ Er unterbrach mich. „Sie weiß ja, wo sie hin muß. Ich habe ihr die Adresse auf einen Zettel geschrieben. Ich bin ein guter Sohn, weißt du!“

„Eggi“ sage ich aufgebracht, „laß mich sofort aussteigen!!!“ „Das geht schlecht, wenn ich dich hier rauswerfe, kullerst du die Böschung runter“ sagt er ruhig. Ich atmete ganz tief. Ein menschlicher Abgrund tut sich da auf. Daß er so ein gemeiner Hund ist, hätte ich nie gedacht. Im nächsten Parkhafen hält er an. Mir wird übel.

Nun wendet er sich mir zu, der Unhold. Er sieht mich lange und sehr intensiv an, dann nimmt er meine linke Hand in seine beiden Hände und sagt: „Meine Mutter hat Freunde in der Nähe des Comer Sees. Sie hat sich von ihrer Operation sehr schwer erholt und sich nicht getraut, ihren Wagen so eine lange Strecke alleine zu fahren. Sie hat mich nicht gefragt, aber ich habe gesagt Mutter ich bring dich und habe mir ein paar Tage Urlaub genommen weil ich in dieser Gegend hier auch noch nie war und weil ich auch nicht ahnen konnte daß ich ausgerechnet dich hier treffe und daß ich…“ „Jetzt reicht es aber wirklich. Es reicht! Es reicht! Es reicht!“

„Jetzt hab ick aber Hunger, und wie. Du ooch?“
„Ach! Ich bin satt“ sagte ich beleidigt.
„Na, nu komm. Nu sei nich einjeschnappt. Ich lade dich ein – wir werden jetzt elegant ausgehen und vornehm dinieren. Vom Feinsten! Im feinsten Restaurant. In einem dieser Hotels am See, oder wo du willst….!“

Ich schwieg. Er taxierte meine Kleidung und befand, daß man sich mit mir blicken lassen konnte. Er trug einen leichten hellgrauen Anzug und ein mattlila Hemd. Dann steuerte er auf den Parkplatz eines der Etablissements am See. Wir wurden eingewinkt. Der Mensch an der Tür taxierte mich; ich genügte den Ansprüchen. Mein Begleiter wurde diskret darauf hingewiesen, daß hier nach 18 Uhr Krawattenzwang herrscht. Gegen einen bestimmten Obolus konnte man sie natürlich leihen, wenn man unbedingt hier eine entsprechende Mahlzeit einnehmen wollte in Gesellschaft der sogenannten Gesellschaft. Eggi lieh sich eine passende Krawatte.

„Dafür hättick se mir och koofen können“ nuschelte er.
„Eggi“ sagte ich, „mit Krawatte berlinert man nicht!“
„Frau, schweige und folge mir“ sagte er. Ich folgte der Anweisung.

16.8.2012/LEWI

Alle Namen und Orte sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen  zufällig.

20 Antworten zu Ein Zauberhafter Ort von vielen

  1. bibu11 schreibt:

    Auch nach mehreren Jahrzehnten in Süddeutschland geht mein Herz noch immer auf, wenn ich jemanden berlinern höre, dann bin ich wieder in Kreuzberg, in meiner Kindheit, wieder daheim. Und besonders schön wird es, wenn der Text nicht nur gut klingt, sondern auch noch tiefsinnig oder einfach erfrischend ist. Danke Hildegard, dass du auf meinem Blog „Eine neue Hamburgerin … “ warst und ich so auf dich aufmerksam wurde. Ich werde deinen Texten weiter folgen.

    • hildegardlewi schreibt:

      Liebe Bibu, deine lieben Zeilen haben mich sehr glücklich gemacht, bilden sie doch eine Grundlage für wunderbare Erinnerungen (aus der Kramkiste sage ich immer). Alles festhalten – ja, manchmal fehlt die Zeit oder mitunter auch die Motivation, weil man letztlich mit seinen Erinnerungen doch immer allein ist. Ich muß wieder schreiben – die „Gedichte“ erfordern immer so viel Zeit. Nicht das „dichten“, sondern der ganze Aufstand rundherum. Ich freue mich auf gelegentliche Grüße, Hldegard

  2. Ostfrieslanduwe schreibt:

    Worauf? Komm erzähl ich bin neugierig. ^^

  3. Ostfrieslanduwe schreibt:

    In deinem letzten Satz, bist Du wirklich so Gehorsam? ^^

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