Ein buntes Blatt

Ein buntes Blatt hat nun der Herbstwind vor sich her getrieben,
es blieb an einer Stelle auf dem regenfeuchten Rasen liegen,
wo es sich noch ein kleines bißchen hin und her bewegte,
bevor es sich dann still und regungslos zur Ruhe legte.

Die anderen bunten Blätter blies der Wind von allen Bäumen,
die in dem Park die Wege und Alleen beiderseitig säumen.
Bis die Äste leer gepustet, die Blätter dann am Boden lagen,
war bald erledigt, nur noch ein Werk von ein paar Tagen.

Die Sonne sendete am Tag noch warme Strahlen nieder,
und kleine Vögel sangen in den leeren Zweigen ihre Lieder,
die letzten, die sie noch zum Abschied für uns sangen,
und die besonders schön in unseren Ohren klangen
.
Ein Kind kam nun den Weg entlang und sah das bunte Blatt,
das regungslos und ganz allein noch immer dort gelegen hat,
wo es der Wind am Tag zuvor zur Ruhe kommen ließ,
weil er danach sehr heftig noch in eine andere Richtung blies.

Schön war das Blatt. Die Farben leuchtend, wie gemalt so klar.
Wer wohl der Maler, wer wohl der große Künstler war?
Das Kind hob ganz behutsam auf das schöne bunte Blatt
und trug es vorsichtig nach Haus, wo man es still bewundert hat.

Und In ein dickes großes Buch, so zwischen seine Seiten,
da wurde es hineingelegt, so daß man später dann beizeiten
es, schön gepreßt und farbenfroh mit Freude konnt’ betrachten,
Was in den dunklen Wintertagen die Kinder gerne machten.

Der Winter kam, der Winter ging, und das jahraus, jahrein,
das Buch war längst vergessen, wo könnte es jetzt sein?
In jedem Herbst fielen die Blätter wie immer bunt vom Baum,
in jedem Herbst entstand dabei einmal derselbe Traum

Nie wieder in all den Jahren, nie fand man ein ähnliches Blatt,
nie wieder ein so schönes, wie man als Kind es gefunden hat.
Nie wieder ist unser Erleben so tief, so echt und so klar.
Nie wieder, was es auch sein mag, nie wieder so wunderbar.

(2009, Erinnerungen)

Über hildegardlewi

... ist 1934 in Berlin geboren und sozusagen „Geprüfte Berlinerin“. Vorkriegsjahre, Kriegsjahre, Blockade, Nachkriegsjahre, die Zeit der Mauer und die Zeit nach ihrem Fall. Lange Berufsjahre, drei Kinder, drei Enkelkinder, die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und schließlich die Wiedervereinigung, das sind viele ernste – und weniger ernste Geschichten. Manche Leute führen ein Tagebuch. Ihr Tagebuch sind Gedichte. Die ihr spontan aus dem Kopf über die Lippen purzeln und die sie dann schnell einfängt und aufschreibt. Nachdenkliche, sicher, die meisten aber sind zum Lachen. Wie sonst könnte man dies schrecklich schöne Leben aushalten? Viel Vergnügen ;D sagt ihr Sohn
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2 Antworten zu Ein buntes Blatt

  1. gkazakou schreibt:

    ach, schön, Hildegard!

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